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Der Radsport AAR: Keine Grenzen, keine Limits
#27
Nach wenigen Minuten erreichten die beiden San Bartolome. Nun mussten sie nur noch das Café finden, also nahm Lucas die Karte, die ihm die Frau an der Rezeption gegeben hatte. Im Karten studieren war Lucas recht gut und folglich konnte er das Straßencafé schnell ausmachen. Es lag am anderen Ende des Ortes in Richtung Santa Lucia. Äußerlich versuchte Lucas cool zu bleiben, aber er war total nervös. Er wusste überhaupt nicht was in diesem Café auf ihn zukommen würde. Dort könnten Mafiosos auf ihn warten, aber es könnte genauso gut niemand dort sein. Felipe könnte sich einen Spaß erlaubt haben, aber daran wollten die beiden gar nicht denken. Die Hoffnungen von Lucas und Tobi lagen immer noch darauf einen Vertreter eines ProTour Teams treffen zu können. Um die letzten Minuten auf dem Weg zum Café „Santo Domingo“ noch mal auf andere Gedanken zu kommen erzählte Lucas Tobi von seinem ersten Vertragsabschluss mit Wiesenhof. „Das ist etwas mehr als 2 Jahre her“, fing er an. „Wir mussten mit dem Jugendteam eine Bergchallenge bestreiten. Eigentlich sollte diese im Erzgebirge stattfinden und der Fichtelberg sollte unser Ziel sein. Allerdings konnte das Bergzeitfahren dort nicht ausgetragen werden, da das Wetter nicht mitspielte. Es regnete dort wie verrückt und die Windgeschwindigkeiten hätten einen normalen Wettkampf nicht zugelassen. Die Veranstalter wussten allerdings um die schwierigen Bedingungen zu dieser Jahreszeit und hatten schon vorher eine Ausweichmöglichkeit organisiert – Den Brocken.“ Tobi musste schmunzeln. „Ist das nicht ein wenig dämlich. Der Brocken ist nicht so weit weg vom Fichtelberg. Luftlinie mögen es vielleicht 200 km sein und wenn es in Norddeutschland stürmt dann ist es egal ob Fichtelberg oder Brocken. Meist sind beide Berge von Stürmen betroffen und der Brocken meistens noch schlimmer.“ Lucas pflichtete ihm bei während er sich einen Riegel aus seiner Rückentasche holte. „Das stimmt schon und das war auch mein erster Gedanke. Aber mein 2.Gedanke war, dass der Brocken mein Hausberg ist und ich mich dort noch besser beweisen könnte. Und tatsächlich war es dort nicht so stürmisch. Das Wetter war zwar schlecht und es regnete auch. Aber der Fichtelberg war im Vergleich hierzu der reine Weltuntergang. Das Rennen konnte also stattfinden und ich persönlich sah mich nun in der Favoritenrolle. Diese Ansicht teilte ich wohl mit niemandem, denn nicht viele wussten, dass ich ein Heimrennen hatte. Mich sollte das nicht stören, denn ich wusste um meine Stärke, schließlich kannte ich jede Kehre auswendig, jedes Schlagloch mit Namen um es mal übertrieben darzustellen. Ich wusste ganz genau, wo ich die letzten Reserven rausholen musste und wie die Steilstücke anzugehen waren. Dieses Wissen ließ mich recht entspannt an die letzten Vorbereitungen gehen und so saß ich auch mit einem dicken Grinsen auf der Rolle. Das wollte Kevin Baier, ein Rennkollege von mir gar nicht verstehen. Angesichts des Regens und meines freudigen Gesichtsausdrucks fragte er mich ob ich Masochist sei. Ich verneinte das zwar, aber irgendwie war es an diesem Tag so. Als ich auf der Strecke war, war es einfach nur geil. Der kalte Regen tat zwar mit der Zeit weh, aber das machte mich nur stärker. Auch die Schmerzen, die sonst in den Bergen oft höllische Qualen darstellen taten mir an diesem Tag gut. Sie pushten mich quasi. Im Ziel war ich zwar erschöpft, aber ich hatte immer noch ein Lächeln auf den Lippen, im Stile des großen Indurain. Das Lächeln wurde im Anbetracht meiner Zeit noch größer, denn ich lag deutlich in Führung. Einige Minuten später, ich wärmte mich gerade auf überbrachten mir Andreas dann die frohe Kunde. Ich hatte das Rennen gewonnen, aber viel schöner war noch, dass Späher von Wiesenhof an der Strecke waren und sie wollten mit mir sprechen. Tja, den Rest kannst du dir ja denken. 2 Jahre sind vergangen und nun steht wieder eine Entscheidung bevor.“
Die beiden fuhren die letzten Meter und sahen dann das Café. Aus der Ferne schauten sie kurz, aber sie konnten weder ein Radfahrer erkennen, noch jemanden der den Anschein machte auf sie zu warten. Langsam rollten sie mit ihren Rädern in Richtung Café und es schien sich schon Enttäuschung bei den beiden Breit zu machen, da kam ein Typ mit 2 Tassen Kaffee aus dem Café nach draußen getreten. Tobi schaute Lucas mit großen Augen an. „Das ist doch … na sag schnell, jetzt fällt mir der Name nicht ein …“
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#28
Lucas unterbrach ihn. „Ich werd bekloppt, das ist Matze Kessler. Ob der wegen uns hier ist?“ Als wenn Kessler dies gehört hätte winkte er die beiden zu sich rüber. Überrascht, aber erfreut machten sich Lucas und Tobi auf den Weg. Als sie am Tisch ankamen reichte Kessler ihnen gleich die Hand. „Hey, ich bin der Matze Kessler, ich denke mal ihr kennt mich.“ Lucas erwiderte die Hand. „Das ist mein Bruder Tobi und ich bin Lucas Kiehl. Ich denke mal du kennst mich noch nicht, aber das kann man ja ändern, am besten mit Leistung auf dem Rad. Matthias grinste. „Deine Einstellung gefällt mir. Mir würde es gefallen, wenn du mir das in meinem Team beweisen könntest. Deshalb bin ich nämlich da. Ich bin zwar neu bei Astana, aber aufgrund eines sehr verstrickten Systems bin ich der Mann bei uns, der dir die Vorteile des Astana-Rennstalls aufzeigen soll. Ich erkläre es dir kurz. Walter Goodefrot will dich bekanntlich für unser Team gewinnen und ich arbeitete ja schon bei T-Mobile mit ihm zusammen. Da er auf eine familiäre Atmosphäre setzt will er möglichen Neuverpflichtungen das Team nicht durch irgendwelche Anzugleute näher bringen, sondern durch die Fahrer selber. Da lag es nahe, dass ich als Deutscher mit dir reden soll und ich mach es wirklich gerne. Ich habe mich über dich informiert und bin von deinen Leistungen beeindruckt. Du kannst es definitiv bis in die Weltspitze schaffen.“ Lucas schmeichelte das Lob zwar, aber er war sich dessen auch selber bewusst. „Danke, ich bin mir sehr sicher, dass ich das schaffen kann. Es hört sich vielleicht übertrieben oder arrogant an, aber in einigen Jahren will ich bei der Tour um den Sieg mitfahren.“ Lucas war es gewohnt auf solche Sätze patzige Antworten zu kriegen. Oft wurde er als Hochstapler oder Tagträumer bezeichnet, aber Matthias hingegen sprach ihm Mut zu. „Ich find es gut, dass du dir dieses hohe Ziel gesteckt hast. Wenn ich ein Ziel vor Augen hatte, habe ich nicht locker gelassen, bis ich es erreicht hatte. Solltest du das genauso angehen hast du auf alle Fälle Chancen bei der Tour vorne mitzufahren. Dass du in den Bergen gut bist hat sich ja schon beim GP Schwarzwald gezeigt. Einen Fabian Wegmann abzuhängen fällt selbst mir öfter mal schwer. In diesen jungen Jahren hätte ich das erst Recht nicht geschafft.“ Matze überschüttete Lucas quasi mit Huldigungen und ein wenig unangenehm war Lucas das schon, denn er wollte Matthias lieber persönlich von seinem Talent überzeugen. Jetzt hieß es erstmal vom Thema ablenken, also unterbrach Lucas Matthias.
„Ich frage mich, wie ihr darauf gekommen seid, dass ich Urlaub auf Gran Canaria mache. T-Mobile hat mir ebenfalls schon hinterherspioniert. Bin ich denn so gefragt?“ „Tja, das muss wohl so sein. Wir haben jedenfalls von deinem Trainer erfahren, dass du hier Urlaub machst. Jemand aus dem Astana-Team hat wegen eines Vertragsgespräches angefragt und uns wurde gesagt, dass du auf den Kanaren Urlaub machst. Als wir das wussten haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt um dich auf den Kanaren zu erreichen. Und dafür war dein Taxifahrer Felipe die perfekte Person. Er stellt so etwas, wie einen Kontaktmann für uns da. Einige ehemalige Fahrer des Liberty Seguros Team hatten gute Beziehungen zu Felipe. Manche Fahrer, die schon 2006 hier fuhren haben teilweise auch schon Bekanntschaft mit ihm gemacht. Das wurde dann natürlich auch an die neue sportliche Leitung weitergegeben, da das Team mit ihm nur gute Erfahrungen gemacht hatte. Schon seit Jahren konnte er mithelfen einige Fahrer zu vermitteln und mich würde es freuen wenn es bei dir auch klappt. Allein die Art und Weise ist irgendwie besser. Dir wird vom Rennstall nicht gleich die Pistole auf die Brust gesetzt, das Angebot ist vorerst nicht so offensichtlich und du bekommst die Chance mit Leuten aus dem Team darüber zu reden.“ Eigentlich war Lucas hocherfreut über das Interesse, aber ihn wunderte es, dass man gerade Matze Kessler geschickt hatte, der ja erst zum Jahr 2007 wirklich zum Team stoßen würde. Er sprach das auch an, aber Matze konnte das gleich aufklären. „Es gab Anfang Oktober schon ein erstes Treffen der meisten Teamkameraden. Das hatten Rominger, Biver und Goodefrot privat organisiert und die Stimmung war perfekt. Ich hab mich gleich heimisch gefühlt und kann dir das Team nur empfehlen.“ Nachdem Matthias Lucas seine erste Frage beantworten konnte kam es nun zum ernsten Teil der Verhandlung. „Ich hab ja schon erzählt, dass T-Mobile mir ein Angebot gemacht hat, aber ich wollte das eigentlich nicht annehmen. Allerdings wurde mir eine Klausel offen gelegt, durch die es mir sehr schwer fällt das Angebot abzulehnen. Sie wollen meinen Bruder Tobi, der ebenfalls in den Bergen seine Stärken hat, für eines ihrer Jugendteams verpflichten. Ich weiß, dass ich ein junger Fahrer bin und eigentlich nicht in der Position bin, dass ich Bedingungen stellen kann, aber ich würde Tobi gerne irgendwie mitnehmen, koste es was es wolle. Dafür würde ich vieles in Kauf nehmen. Gehaltseinbußen, was auch immer. Geld ist mir sowieso nicht so wichtig, sonst hätte ich gleich mit dem T-Mobile Vertreter eingeschlagen. Wenn ich ihn mitnehmen könnte bzw. Astana ihn irgendwo parken könnte mit dem Vorrecht ihn in einigen Jahren unter Vertrag zu nehmen wäre ich sofort dabei.“ Hoffnungsvoll schauten Lucas und Tobi zu Matthias rüber. Der wiederum sah nun ziemlich nachdenklich aus. Er durfte natürlich nichts Falsches sagen, denn er konnte keine Entscheidungen ohne die Teamleitung treffen. „Ich kann euch da nichts versprechen, denn darüber müsste ich erst mit der Teamleitung sprechen. Allerdings kann ich eins machen, ich kann sie von seinen Fähigkeiten überzeugen. Dazu muss ich diese allerdings erstmal selber kennen lernen. Am besten wir drehen eine kleine Runde auf dem Rad.“ Erleichtert stimmten Lucas und Tobi zu. „Wir wollten vor der Rückkehr nach Playa del Ingles sowieso noch den 1949 m hohen Pico de las Nieves erklimmen und die Aussicht genießen. Das passt doch perfekt.“ „Okay“, sagte Matthias. „Ich werde mir da ein Bild von Tobi machen und dann heute Abend mit der Teamleitung telefonieren. Zwar werden die sicherlich nicht gleich zusagen, aber zumindest könnte man mal ein Tryout arrangieren. Über die Ergebnisse kann ich euch dann morgen informieren. Am besten treffen wir uns dann noch mal und klären die weiteren vertraglichen Details … insofern ihr dann noch wollt. Aber lasst uns erstmal auf die Räder steigen und ein wenig fahren.“
Von San Bartolome bis zum Gipfel waren es lediglich 23 km und deshalb entschloss man sich nach einer kurzen Aufwärmrunde durch den Ort den Berg mit vollem Tempo anzugehen. Es ging eigentlich bloß darum, wie lange Tobi den beiden folgen konnte. Zwar galt der Berg nicht als sonderlich steil, aber zwischendurch gab es schon Steigungen von 8 bis 12 %.
Im Durchschnitt wurden diese Prozente nur durch Ortsdurchfahrten gedrückt, die meistens flach verliefen. Die schwierigsten Stellen waren zwischen La Plata und Merendero zu bewältigen, wo es zwischen recht flachen Steigungen 3 km lang im Schnitt 9 % bergauf ging. Auch die letzten 4 km waren mit 6,3% noch mal recht anspruchsvoll. Für einen Kessler und auch Lucas sollte das wohl kein Problem darstellen, aber für Tobi war das schon ein hartes Stück Arbeit. Jedenfalls in Anbetracht dessen mit seinem Bruder und Matze Kessler mithalten zu müssen. Die erste Bewährungsprobe gab es gleich nach San Bartolome. Dort gab es ein 1 km langes Stück, das 12,4 % steil war und Matze fuhr das gleich von vorne. Am Anfang des Stückes dachte Lucas, dass ihm gleich die Beine explodieren würden. Nachdem er einige Zeit nicht mehr so intensiv trainiert hatte schmerzten die ersten Meter deutlich. Hinter ihm konnte Tobi ihm auch noch folgen, was Lucas überraschte aufgrund seiner eigenen Probleme. Erst am Ende des Steilstückes fand er langsam seinen Rhythmus. Die nächsten 10 km ging es weniger steil zu und die 3 wechselten sich häufig in der Führung ab. Lucas sah, dass Tobi vor Ehrgeiz strotzte, denn immer wenn er vorne fuhr versuchte er das Tempo anzuziehen. „Übernimm dich nicht“, zischte Lucas Tobi leise zu. „Der Berg geht noch ein Stück und die schweren Passagen kommen noch.“ Tobi interessierte das allerdings nicht sonderlich. „Ich fühle mich gut, ich weiß, was ich mach. Glaub mir.“ Zwar traute Lucas Tobi nicht so recht, da Einbrüche öfter plötzlich kamen, aber er wollte jetzt auch nicht komplett auf die Euphoriebremse treten. „Horch in deinen Körper rein und spar dir Reserven für die letzten Kilometer auf.“ Die ersten Kilometer nach La Plata waren recht locker, doch urplötzlich wurde es steil und das nutzte Matze erneut um die beiden zu testen. Kurz musste Lucas ein Loch reißen lassen, aber fuhr dieses dann wieder zu. Über 3 km sollte es nun recht steil sein und aufgrund des recht hohen Tempos brannten Lucas die Beine. Er fragte sich, wie Tobi das durchstehen sollte. Er schaute nach hinten und Tobi war nicht mehr zu sehen. „Verdammt, wo ist er?“, fragte sich Lucas
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#29
Lucas drehte sich nach vorne zu Matze und wollte ihm gerade sagen, dass Tobi abreißen lassen musste als dieser rechts an den beiden vorbei schoss. Damit hatte Lucas am allerwenigsten gerechnet. Er hatte sich darauf eingestellt seinen Bruder zu ziehen und ihn dazu zu motivieren hinten dran zu bleiben, aber dass er ihm nun selber hinterher jagen musste hatte er nicht gedacht. Matthias schaute ebenso überrascht zu Lucas und danach nahmen die beiden die Verfolgung auf. Ein kleines Loch war nach vorne gerissen. Dieses berühmte Loch zu schließen galt oftmals als sehr schwierig. Oftmals konnte man als Verfolger fahren wie man wollte, aber man kam nie ganz ran. Jan Ullrich und Lance Armstrong gaben dafür am Tourmalet 2003 ein perfektes Beispiel ab. Und auch diesmal wollte das Loch nicht kleiner werden. Es wurden zwar nicht mehr als 15 Meter, aber auch nicht weniger. Tobi musste vorne wohl Vollgas fahren, anders konnte Lucas sich das nicht erklären. Nach einer kleinen Weile hatte Lucas die Nase voll von dem gleichmäßigen Tempo und den Führungswechseln und fuhr seinerseits mit voller Kraft an seinen Bruder ran, Matze blieb dabei in seinem Windschatten. Gerade als die beiden Tobi erreicht hatten blickte der zurück und attackierte erneut. Das alte Loch war wieder hergestellt. Lucas begann es ein wenig zu wurmen, dass er hier anscheinend nicht das Hinterrad von seinem Bruder halten könnte. Eine Niederlage an diesem Berg wäre blamabel und Astana würde sich eine Verpflichtung wohl 2 mal überlegen. Leider konnte Lucas nicht in die Körper der anderen hereinhorchen. Würden Matthias und Tobi Anschlag waren. Er beschloss jedenfalls ruhig zu bleiben und sich seine Kräfte einigermaßen einzuteilen. Inzwischen hatte man das 1 km lange Steilstück mit 10 % Steigung erreicht und Tobi zog vorne weiter weg. Matthias und Lucas wechselten sich wieder in der Führung rauf. Während Matze ein wenig nach Luft schnappte rief er zu Lucas rüber: „Ich bin beeindruckt, dein Bruder ist echt stark. Das hätte ich nicht für mich möglich gehalten, dass er uns so auf Trab hält. Aber lass uns erstmal auf die letzten Kilometer kommen. Die haben es noch mal in sich.“ Lucas nickte kurz zustimmend und konzentrierte sich dann weiter auf den Anstieg. Der Vorsprung von Tobi war schon so angewachsen, dass er oftmals durch die kurvige Strecke aus dem Blickfeld der beiden verschwand. Auf längeren Geraden hingegen hatte man ihn immer wieder als Fixpunkt. Er wollte unbedingt seinen Bruder einholen, die Schmach sollte ihm erspart bleiben. Deshalb beschloss Lucas sich auf den nächsten Kilometern bis Merendero, die etwas flacher waren, ein wenig auszuruhen und dann noch mal voll anzugreifen. Allerdings wollte auch Matthias nicht mehr Führungsarbeit machen. „Ich dachte du willst deinen Bruder einholen, denn fahr das Ding mal von vorne.“ Deutlich konnte Lucas nun den Druck spüren. Einen Fahrer, der gegen seinen 3 Jahren jüngeren Bruder verliert wollte Astana sicher nicht. Matthias nahm die Beine hoch und Lucas musste auch die flacheren Kilometer von vorne fahren. Nur ab und zu ging Matze in die Führung. Als es in den letzten etwas steileren Abschnitt ging, 4 km vor dem Gipfel, war Tobi immer noch recht deutlich vorne. Lucas ließ sich noch mal kurz nach hinten fallen und attackierte dann.
Er fuhr nun am Limit, alles was er konnte. Er schaute sich um und sah, dass Matze immer noch an seinem Hinterrad war, allerdings nicht mehr so locker, wie noch vor wenigen Sekunden. Dann schaute er wieder nach vorne und er erkannte, dass sie wieder dichter an Tobi rankamen. Also gab Lucas noch mal alles. Nun konnte er jeden einzelnen Muskel spüren und jeder einzelne schmerzte. Aber diesen Schmerz musste er jetzt überwinden für einen Vertrag in einem ProTour Team. Es waren noch etwa 50 m nach vorne und noch mal zog Lucas das Tempo an. 2 km vor dem Gipfel und damit direkt vor dem letzten schweren Stück mit 8 % erreichten die beiden Tobi. Der schaute sich zu seinem Bruder um und Lucas gab ihm ein gequältes Lächeln zurück. Tobi bündelte noch mal alle Kräfte und zog für Lucas noch mal das Tempo an, eher Matze von hinten attackierte. Während Tobi dem nichts mehr entgegenzusetzen hatte zog Lucas energisch mit. Dabei musste er sich allerdings ziemlich überwinden, denn er war mit seinen Kräften auch am Ende. Jederzeit rechnete er damit den Kontakt zu Matthias zu verlieren, doch dazu kam es nicht und als sie die letzten Meter erreichten schöpfte er neuen Mut. Lucas wusste um Matthias seine Stärke im Sprint, doch auch seine Fähigkeiten waren in diesem Bereich nicht zu verachten. Bis zum Plateau waren es vielleicht noch 500 m und Lucas bereitete sich darauf vor, dass Matze den Sprint von vorne anziehen würde, aber das passierte nicht. Er schaute noch mal kurz nach hinten um nach Tobi zu schauen, aber der war nicht zu sehen. Lucas wurde langsam ungeduldig und beschloss selber anzutreten. Er schoss an Matthias vorbei, doch der, mit all seiner Erfahrung, heftete sich an Lucas seine Fersen und konnte am Ende ganz knapp vorbeiziehen. Eine Zentimeterentscheidung. Die beiden rollten aus und reichten sich die Hand, kurze Zeit später kam auch Tobi an und Matthias kam gleich auf ihn zu und gratulierte ihm zu dieser starken Leistung. „Nach dieser Vorstellung werde ich mit Astana definitiv über dich reden müssen. Da können wir gleich 2 Rohdiamanten auf einmal verpflichten. Diese Chance sollten wir nutzen.“ Während Tobi erschöpft lächelte war Lucas einfach nur erleichtert mit Matthias mitgehalten zu haben. Noch ein wenig wacklig auf den Beinen ging er zu seinem Bruder und nahm ihn in den Arm und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich habe immer an dich geglaubt und nun ist deine Chance gekommen. Nutze sie! Ich bin stolz einen Bruder wie dich zu haben.“
Der Aufstieg hatte sich also trotz allen Strapazen gelohnt. Nicht nur wegen den möglichen Verträgen, auch die Aussicht vom Pico de las Nieves war phänomenal.
Während die Drei diese genossen machten sie noch einen Termin für den morgigen Tag in Playa del Ingles mit einem weiteren Astana-Vertreter aus. Danach machten sie sich auf den noch recht langen Rückweg, aber die gute Laune bei den beiden Kiel-Brüdern konnte das nicht mehr trüben.
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#30
Hier gehts auch wieder schön weiter!! Daumen hoch

Bin immer noch gut beim Lesen dabei und ich hoffe, dass sich alles weiter gut entwickelt... Bier
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#31
Sooooo jetzt bin ich am Ende angekommen, hab auch noch mal die Sachen gelesen, die ich damals schon hatte. Erstmal hast du einen sehr guten, flüssig zu lesenden, Schreibstil, kannst Geschichten so erzählen, dass man sich direkt reinversetzen kann.

Ich lese viel und ein gutes Buch / gute Literatur ist für mich, wenn ich beim Lesen kaum noch merke, dass ich lese und alles wie ein Film vor meinem inneren Auge abläuft. Das ist gerade beim letzten Beitrag sehr gut gelungen.

Die Story an sich ist klasse und lässt viel Raum für unerwartete Wendungen und viele gute Posts.

Von daher sag ich mal "weiter so" und ich werde hier in jedem Falle mal dranbleiben. Daumen hoch
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#32
Am nächsten Morgen wachte Lucas mit einem breiten Grinsen auf. Er konnte die Zusammenkunft mit den Leuten seines möglichen neuen Teams kaum abwarten. Gleich nachdem er aufstand weckte er seinen Bruder und drang ihn dazu aufzustehen und sich fertig zu machen. „Was? Wir haben doch noch fast 1 ½ Stunden, wieso muss ich denn jetzt schon aufstehen? Das ist doch kompletter Blödsinn, lass mich noch ein wenig schlafen.“ Aber Lucas dachte nicht daran Tobi weiterschlafen zu lassen. „Hoch jetzt, wir gehen noch ein wenig laufen um ordentlich wach zu werden und fit in den Tag zu starten. Du wirst es mir nachher danken – und jetzt ab!“ Lucas zog Tobi die Decke weg und der sah ein, dass seine Versuche weiterzuschlafen hoffnungslos waren. Nach einer kurzen Weile im Bad verließen die beiden das Hotel und liefen am Strand ihre Runde. „Kurz nach Sonnenaufgang laufen gehen, du hast sie doch nicht mehr alle“, rief Tobi seinem Bruder zu. „Du wirst es mir danken, Kleiner.“ Schau dir mal den Sonnenaufgang an und vergleiche ihn mal mit unserer Lage. Das passt doch perfekt! Lucas freute sich riesig und er hatte durchaus Recht. Der Sonnenaufgang heute war herrlich und heute gab es die Möglichkeit, dass die Sonne für die beiden genauso herrlich aufgehen konnte. Heute war vielleicht der Startschuss in eine große Karriere der Brüder. Ihre Hoffnung lag darin, dass diese ähnlich, wie der wunderbare Sonnenaufgang, starten würde.
Nach ca. 50 Minuten hatten Lucas und Tobi ihre Laufeinheit beendet. Sie gingen im Hotel noch schnell duschen und begaben sich dann in die Hotellobby zum Frühstück. Hier sollten sie mit Matze Kessler und einem weiteren Vertreter des Astana-Teams zusammentreffen. Diese ließen auch nicht lange warten. Pünktlich zum Gesprächstermin erschienen die beiden gut gelaunt. „Ja, mich kennt ihr ja schon und das ist Reto Bühler, ein enger Vertrauter von unserem Teamchef Marc Biver“, stellte Matze den beiden den Astana-Vertreter vor. Dieser reichte Lucas und Tobi die Hand und begann auch gleich das Gespräch. „Also ich denke wir sind erwachsene Menschen und da es bei uns ja familiär vorgehen soll schlage ich gleich mal vor, dass wir beim „du“ bleiben.“ Die lockere Art gefiel Lucas auf Anhieb und mit einem Nicken gaben er und Tobi ihr Einverständnis. „Ich bin heute im Auftrag von Marc Biver, Tony Rominger und Walter Goodefrot hier. Diese 3 Herren möchten dich, Lucas, gerne für das Team Astana verpflichten. Wir sehen in dir eines der größten deutschen Talente und würden es begrüßen, dich in unserem Team aufnehmen zu können. Wir wollen, dass du dich bei uns weiterentwickelst und schon in absehbarer Zeit dein Können bei den großen Rennen dieser Welt präsentieren kannst. Natürlich wollen dir dich erstmal in diese Richtung führen, aber wir sind von deinem Talent überzeugt und speziell mit deinen beiden deutschen Teamkollegen Matze und auch Andi Klöden sollte das kein Problem darstellen. Wir hoffen jedenfalls, dass wir dir ein ansprechendes Angebot unterbreiten können um dann gemeinsam in das Jahr 2007 zu starten.“ In den folgenden Minuten hörte sich Lucas aufmerksam die von Astana vorgeschlagenen Vertragsmodalitäten an. Sein Gehalt würde geringer als bei T-Mobile ausfallen, was er aber auch erwartet hatte. In Sachen Prämien und Renneinsätze unterschieden sich die Angebote nicht sehr. Ihm wurde versprochen spätestens in seinem 2.Jahr eine große Rundfahrt zu fahren, doch schon in seinem ersten Jahr sollte er sich bei einigen ProTour-Rennen anbieten. Dabei nannte Reto speziell die Tour de Suisse und Lucas seine Heimrennen die VatenfallCyclassics und die Deutschland-Tour. Von diesen genauen Vorstellungen seitens Astana war Lucas mehr als begeistert und er hätte dem Vertrag sofort zugestimmt. Das einzige Problem war, dass Tobi noch mit keinem Wort erwähnt wurde und das wollte Lucas ansprechen. „Ich hätte mal noch eine Frage.“ Weiter kam Lucas nicht, denn Matthias unterbrach ihn. „Ich denke mal, dass es um deinen Bruder geht.“ Lucas und Tobi nickten. „Ich habe gestern Abend schon mit Reto telefoniert und ihm von unserem Trainingsausflug erzählt. Erst wollte Reto mir nicht wirklich glauben, aber ich konnte ihn im Endeffekt auch von Tobi’s Fähigkeiten überzeugen.“ Tobi fing an zu strahlen. „Heißt das …?“ Reto ergriff wieder das Wort. „Nein, noch nicht ganz. Ich habe mich mit Marc verständigt und er hat gesagt, dass ich mich selber von deinen Fähigkeiten überzeugen soll. Wenn du deine von Matze beschriebene Leistung heute in einem von uns auferlegten Test bestätigst bekommst du einen Vertrag bei uns. Es ist aber sehr gut möglich, dass wir dich vorerst in einem Continental-Team parken. Es liegt an dir, wie die Verhandlungen ausgehen, also zeig was du drauf hast.“ Lucas klatschte seinem Bruder auf die Schulter. „Das ist deine große Chance, nutzte sie! Was für einen Test muss er denn bestehen?“ „Ich werde euch 3 heute einzeln den Pico de las Nieves befahren lassen und dann werden wir die Zeiten miteinander vergleichen. So werden wir Tobi sein Potential schon gut erkennen können.“ Tobi, sowie Lucas waren damit einverstanden. Dieses kleine Bergzeitfahren bedeutete eine faire und ehrliche Chance und Lucas war Reto, Matze sowie Marc dankbar für ihre Bemühungen. „Ich schätze es sehr, dass sie einem so jungen Talent wie Tobi die Chance geben. Wenn er den Test besteht werde ich den Vertrag zu 100 % unterschreiben, andererseits muss ich mich halt mit meinem Bruder darüber unterhalten.“
Schon kurz nach dem Gespräch brachen die 4 nach San Bartolome am Fuße des „Nieves“ auf. Tobi sollte gleich als erstes starten um weiteren Druck von ihm zu nehmen. So würde er befreit auffahren können, da man eventuellen Zeitvermutungen bzw. – angaben der anderen so aus dem Weg gehen würde. Vor dem Start bat Reto auch Lucas und Matthias noch mal 100 % zu geben, da man Tobi sein Können so besser einschätzen könnte. Lucas hatte auch an nichts anderes gedacht, denn das Verlieren lag nicht in seiner Natur. Natürlich drückte er seinem Bruder die Daumen, aber die Bremsen würde er dafür am Berg sicherlich nicht anziehen. Nach einer Aufwärmphase ging es dann los. Während Tobi langsam aber sicher am Horizont verschwand machten sich Lucas und Matze weiterhin warm. Matze versuchte auch sogleich alle Sorgen von Lucas zu nehmen. „Ich habe gestern gesehen, was er kann, das wird er ganz sicher schaffen. Konzentriere dich mal lieber auf dein Rennen, denn auch du kannst hier gleich mal ein Ausrufezeichen setzen.“ Im Anstieg fuhr Tobi währenddessen ein gleichmäßiges Tempo. Eine Kamikaze-Aktion wie gestern konnte er sich bei einem Bergzeitfahren nicht erlauben und das wusste er. Gleichmäßig spulte er sein Tempo ab, nur in den steileren Stücken ging er ab und an aus dem Sattel um neuen Schwung zu holen. Reto feuerte ihn aus dem Auto immer wieder an. „Komm, komm! Das sieht gut aus. Trete noch mal kräftig in die Pedale, gib alles was du kannst!“
Aus dem Auto heraus war das so leicht gesagt, aber für Tobi waren es extreme Schmerzen. Er fuhr quasi um sein Leben, denn das war der Radsport für ihn. Folglich versuchte er den Anweisungen zu folgen und versuchte das Tempo noch mal zu erhöhen. Die Schmerzen in den Beinen waren unerträglich und die Straße vor ihm glich einem Tunnel. Er war längst im anaeroben Bereich angelangt und es war unmöglich allzu lange in diesem zu bleiben. Wie eine Erlösung kam daher von der Seite der Ruf: „Komm, die letzten 3 Kilometer, gib noch mal alles was du hast.“ Tobi versuchte noch mal anzuziehen und ihm wurde schwarz vor Augen. Er dachte er würde gleich vom Rad fallen, doch der Wille einen Profi-Vertrag zu erhalten hielt ihm auf diesen und er stand auch die letzten 3 Kilometer durch. Auf der Kuppe fiel er total erschöpft vom Rad und brauchte ein wenig um zu Atem zu kommen. Für den schönen Ausblick hatte er jetzt keinen Nerv. Nahezu im Delirium hörte er den Worten von Reto zu und nickte nur. Er hatte was von „schöner Zeit“, „toller Leistung“ und „ob die anderen das überbieten“ erzählt, doch die genaue Wortfolge kannte Tobi nicht mehr. Als Reto wieder losfuhr war Tobi einfach nur glücklich kurz alleine sein zu können. Er legte sich in völlig fertig in den Rasen und trank etwas.
Ein paar Minuten später startete auch Lucas unten. Er wusste aus Jugendzeiten und auch den ersten beiden Profijahren schon, wie man ein Bergzeitfahren nahezu perfekt bestreiten würde und deshalb machte ihm das auch keine Angst. Die Angst Tobi aus einem Vertrag zu fahren war da größer, doch er wollte trotzdem 100 Prozent geben, schließlich konnte auch er sich beweisen. Nach einigen Kilometern konnte man schon sehen, dass Lucas sein Tritt flüssiger war. Er saß um einiges ruhiger auf dem Rad als sein Bruder, aber es war klar, dass dieser nicht auf dem Leistungsniveau von Lucas sein würde. Dadurch, dass Tobi „um sein Leben fuhr“ konnte man sich auch die stilistisch nicht so perfekten letzten Kilometer erklären. Er musste einfach über die 100 % gehen und da musste man das in Kauf nehmen. Lucas hingegen fuhr den Anstieg ruhig hinauf und das zeigte sich auch in einem durchgängig konstanten Tempo. Auf den letzten Kilometern konnte er sogar die Schlagzahl deutlich erhöhen. Was aus dem Auto so leichtfüßig aussah war allerdings harte Arbeit. Innerlich musste sich Lucas ganz schön quälen und die Schmerzen machten auch ihm zu schaffen. Am Ende des Anstiegs gab es von Reto Lob. „Das war schon ziemlich gut, auch um einiges besser als Tobi, aber das sollte seine Leistung nicht schmälern. Das war auch sehr stark.“ Glücklich, dass sein Bruder Reto nicht enttäuscht hatte plumpste Lucas zu diesem auf den Boden. In den nächsten Minuten träumten sie davon möglicherweise im gleichen Team fahren zu können. Die Entscheidung rückte immer näher und als Matze ankam war die Nervosität bei den beiden am Siedepunkt. Nachdem auch Matze sich ausgeruht hatte ergriff Reto das Wort. „Glückwunsch Lucas, du warst heute der Stärkste. Matze konnte deine Leistung nicht toppen. Nach diesen Erkenntnissen würden wir uns freuen ein Toptalent wie dich unter Vertrag nehmen zu können.“ Matze und Reto schüttelten ihm die Hand und Lucas war hocherfreut. „Nun zu dir Tobi. Zwar hast du heute die schlechteste Zeit von euch 3 gefahren, aber deine Leistung verbunden mit deinem Kampfeswillen auf dem Rad hat mich schwer beeindruckt. Einen 18 jährigen Radsportler wie dich findet man selten … Willkommen im Team Astana.“ Tobi schaute Reto ungläubig an. „Sagtest du Astana?“ „Ja, ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es am besten ist, dich direkt bei uns aufzubauen, da wir deine Entwicklung so besser lenken können.“ Tobi stieß einen Schrei der Freude aus und fiel danach Lucas um den Hals. Dieser war auch ganz außer sich und mit einer Träne im Auge sagte er zu Reto lediglich: „Ich nehme den Vertrag mit großer Freude an.“
Matze und Reto blieb nur noch „Herzlich Willkommen“ zu sagen.
Der Abend wurde dann natürlich dazu genutzt erstmal kräftig zu feiern und das gönnten Matze und Reto den beiden auch von ganzem Herzen.
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#33
Am darauffolgenden Morgen hatte Lucas dann noch einige Dinge zu erledigen. Er musste Andreas und seinen Eltern von den Vertragsabschlüssen erzählen, sowie den anderen Teams absagen.
Anfangen wollte er daher bei T-Mobile. Die Absage wollte er kurz und schmerzlos durchziehen, denn er hatte keine Lust auf elendig lange Diskussion, das wäre es auch gar nicht wert gewesen, denn mit seinem jetzigen Vertrag hätte er glücklicher nicht sein können. Um das Angebot abzulehnen kontaktierte er schließlich Falco. Treffen wollte er sich mit ihm nicht, also rief er ihn einfach an. Einige Male klingelte das Telefon und Lucas hoffte schon einfach auf die Mailbox sprechen zu können, aber schließlich meldete sich auf der anderen Seite doch eine Stimme. „Falco Poulsen hier, wer ist da?“ „Hier ist Lucas, ich rufe aus dem Hotel an. Es geht um das T-Mobile Angebot … ich sage ab.“ Für kurze Zeit war es still. Anscheinend hatte Falco damit nicht gerechnet. „Wieso? Ich habe gedacht, dass das Angebot so gut war.“ „Das schon, aber ich habe mich gegen euer Angebot entschieden. T-Mobile liegt mir einfach nicht, ich mag das Team nicht. Ich denke alles Weitere wird man der Presse entnehmen können. Ich will dir nichts weiter verraten, sonst bekomme ich noch Ärger mit meinem neuen Team. Aber trotzdem Danke für das Interesse, das ehrt mich. Auf Wiedersehen.“ Bevor Falco noch etwas erwidern konnte legte Lucas auf. Das hatte er geschafft, jetzt musste er nur noch die engsten Vertrauten informieren. Als erstes rief er Andreas an und erzählte ihm von dem Astana-Deal der beiden. Nachdem Andreas erst ein wenig angefressen war, dass die Entscheidung ohne ihn getroffen wurde war er dann außer sich vor Freude, besonders weil es gelang auch für Tobi einen Vertrag auszuhandeln. Andreas gab noch bescheid Lucas und Tobi nach ihrer Ankunft vom Flughafen abzuholen und legte dann auf.
Nun stand der schwierigste Teil auf dem Programm. Wie sollte Lucas seinen Eltern erklären, dass ihr jüngerer Sohn, der in knapp einem Monat 19 Jahre alt werden würde, ohne ihre Erlaubnis einen Profi-Vertrag bei Astana unterschrieben hat? Lucas kannte seine Eltern und sie würden sicherlich meinen, dass dieser Schritt zu früh komme, auch wenn man sich für ihn freue. Tobi steckte mitten in seiner Lehre und die Eltern der beiden würden einen Abbruch nicht gutheißen, aber im Endeffekt war es Tobi’s Entscheidung, schließlich war er volljährig. Trotzdem würde es für ihre Eltern schwierig sein, diese Entscheidung hinzunehmen, schließlich war Tobi ihr Sohn und ihrem Sohn eine sichere Zukunft gewährleisten zu können war immer ihr vorrangiges Ziel. So dachte Tobi auch selber, aber mit diesem Vertragsabschluss würde er dieses Ziel gefährden, denn ein plötzliches Karriereende konnte man nie ausschließen. Lucas kannte sich damit aus, denn er stand vor ca. 18 Monaten auch kurz davor. Das alles mit den Eltern auszudiskutieren machte Lucas Angst, aber er wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen und alles versuchen. Er atmete noch mal tief durch und wählte dann die Nummer. Sein Vater ging ran. „Hi, hier ist Lucas. Es gibt gute Neuigkeiten.“ Sein Vater war erfreut von ihm zu hören. „Na mein Sohn, das ist ja schön. Erzähl! Und wie geht’s Tobi?“ „Dem geht es gut und um den geht es teilweise auch bei den Neuigkeiten. Aber erstmal zu mir. Ich hab ein neues Team gefunden, ein ProTour-Team.“ Lucas’ Vater stieß einen überraschten Laut aus. „Na komm, erzähl schon, was für eines denn?“ „Astana … und sie haben Tobi gleich mitverpflichtet.“ Jeden Moment befürchtete Lucas einen Schreianfall, aber stattdessen brauchte sein Vater erstmal einige Sekunden seine Gedanken in Worte zu fassen. „Ähm … Meinen Glückwunsch. Und Tobi hat auch unterschrieben? Das kann ich jetzt nicht glauben, wie kam es dazu?“ Lucas erzählte seinem Vater die ganze Story. „… und dann kam es halt zu dem Trainingsausflug und der Astana-Vertreter beschloss Tobi bei Astana unter Vertrag zu nehmen um seine Entwicklung besser zu kontrollieren.“ „Ich weiß nicht was ich sagen soll. Irgendwie bin ich schon sehr stolz auf unseren Kleinen, aber was denkst du wird Mutti dazu sagen? Er macht schließlich noch seine Lehre.“ Lucas befürchtete, dass sein Vater darauf zu sprechen kommen würde. „Macht euch keine Sorgen. Der Mann hat vollstes Vertrauen in Tobi. Er sagt, dass er ein riesiges Talent. Selten hat er einen 18 jährigen so fahren sehen. Das ist Tobi’s Chance, verbaut sie ihm nicht.“ „Aber er hat doch noch so viel Zeit.“ „Das ist eine einmalige Gelegenheit. Mit 18 bzw. 19 in ein ProTour-Team zu kommen schaffen nur die Wenigsten und wenn Tobi sich dort gut entwickelt wird er bald ein ganz Großer sein, vielleicht wird er mich auch noch im Längen übertrumpfen.“ Die letzten Worte taten Lucas in der Seele weh, denn im Wettstreit kannte er keine Verwandten. Aber er musste das sagen um seinen Vater davon zu überzeugen. „Okay, okay … ich werde das heute mit Mutti bereden und schicke am Abend eine SMS. Von mir hat er das Okay. Ich schaff das schon, macht euch mal keine Sorgen. Lasst es euch noch gut gehen und geht am besten noch mal feiern bevor ihr übermorgen wieder nach Hause müsst.“ Die Erleichterung stand Lucas nun ins Gesicht geschrieben. „Alles klar Daddy, ich danke dir. Dann sehen wir uns wohl am Sonntag. Lasst es euch gut gehen, Tschüss!“
Das Telefonat hatte Lucas recht gut hinter sich gebracht und darüber war er einfach nur froh. Am Abend gingen Lucas und Tobi ein wenig feiern, eher sie vor der letzten Übernachtung noch mal am Pool entspannten. Party war am letzten Tag vor dem Abflug nicht mehr möglich, schließlich wollte ja keiner das Flugzeug voll kotzen.
Am Sonntag kehrten die beiden Brüder dann mit je einem ProTour-Vertrag im Gepäck in die Heimat zurück. Die nervenaufreibenden Tage der Teamsuche waren beendet, doch der Spaß sollte jetzt erst richtig anfangen. Die ersten Termine wurden den beiden jedenfalls schon zugeschickt. Anfang Dezember sollte erstmals das komplette Team zusammentreffen, eher man im Januar das Team der Öffentlichkeit präsentieren wollte während des gemeinsamen Trainingslagers. Das Abenteuer Astana konnte beginnen.
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