24.04.2009, 12:51
Wer eine Zeitreise zurück zu den Ringkämpfen im Zirkus oder auf dem Jahrmarkt machen möchte, der wird in der Emil Naucke Biographie sicherlich viele interessante Sachen entdecken. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.
Emil Naucke - Ein Leben für das Varieté
Emil Naucke war eine der seltsamsten Erscheinungen aus der Masse des fahrenden Volkes. In Bezug auf seine Körperverhältnisse begeisterte er ein großes Publikum. Sein partieller Riesenwuchs war stets Anziehungspunkt Nr.1. Er hatte eine extreme Muskeldicke und Knochenstärke, die den kugeligen Körper grotesk erscheinen ließen. Das Varieté wurde für Naucke zum Lebensmittelpunkt, bis zum frühen Tode.
[Bild: http://www.imgimg.de/uploads/N160cf2d5djpg.jpg]
Die Welt der Kraftmenschen war im Vergleich zu heute vor über 100 Jahren noch winzig klein. Doch gab es schon unter den Ringern jener Zeit hartnäckige Konkurrenzen. Auf der Suche nach Erfolg, Geld und Ruhm waren Schaubuden und Zirkusse die idealen Austragungsorte. Ringer, Fechter, Schwertkämpfer, Akrobaten, Seiltänzer, Zauberkünstler und Jongleure bildeten das "Fahrende Volk", welches bereits vor Jahrhunderten quer durch die Lande zog. Ihr Zuhause waren die Landstraßen, die Kirchenfeste, die Feste am Hofe des Adels und die Veranstaltungen auf den Jahrmärkten. Die Schaubuden und Jahrmärkte waren noch weit vor dem Zirkus beliebte Treffpunkte für Kraftmenschen. Die Bezeichnung für die jeweiligen Akteure nahm in den Jahren immer mehr Formen an. So entstand im Volksmund eine ganze Reihe an Wörtern, die im Kern den Kraftmenschen charakterisierten. Von Kraftsportler, Athlet, Kraftathlet bis stärkster Mann oder stärkste Frau der Welt, ist alles dabei gewesen. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, tauchten auch kuriose Namen wie Eisenkönig, Eisenzahn, Herkules, Samson, Heros oder Miss Atlas auf.
Obwohl viele Kraftakrobaten ebenfalls als Ringer in Erscheinung traten, gibt es zwischen dem Akrobaten und Athleten schon einen Unterschied: So arbeitet der Akrobat als Artist. Er demonstriert Körperkraft und Muskelbeherrschung in künstlerischer Form. Der Kraftathlet arbeitet hingegen mit einem gewissen Wettkampfcharakter. Dennoch sind die Grenzen zwischen Kraftakrobat und Kraftathlet fließend. Viele Trainingsmethoden werden auch von der anderen Seite benutzt. Der Kraftakrobat stellt also seine künstlerische Darbietung in Form einer artistischen Nummer in den Mittelpunkt. Oft mit Hilfe von Kostümen, Requisiten, Musik und Beleuchtung. Beim Kraftathleten steht hingegen der Wettkampf an oberster Stelle. Auch wenn der Kraftakrobat im engeren Sinne kein Sportathlet ist, kommt selbst das heutige Wrestling ohne Akrobatik nicht aus. Die etlichen Highflyer beweisen das ja täglich. Die Jahrmärkte sind vom Mittelalter bis ins 18.Jh. hinein eine bestimmende Unterhaltungsform gewesen. Vielfältige Schaustellungen, Kunststücke, Kraftproben, Box - und Ringkämpfe standen hier im Mittelpunkt. Als Zentrum für Handel und Belustigung bot gerade der Jahrmarkt dem "Fahrenden Volk" ein reiches Betätigungsfeld. Und das schon vor etlichen Jahrhunderten. So präsentierten sich bereits Kraftakrobaten und Ringer auf dem Jahrmarkt in Würzburg im August 1031. Dieser gilt als ältester deutscher Jahrmarkt, der noch überliefert ist. Doch nicht nur Ringer belustigten die Zuschauer - auch Seiltänzer, Dresseure, Puppenspieler, Komödianten und Kolossalmenschen traten in Erscheinung. Besonders die letztgenannte Gruppe der Kolossalmenschen war zumeist ein Höhepunkt der Attraktionen. Wenngleich diese Kolosse mitunter komisch aussahen, durfte man sie nie unterschätzen. Im Gegenteil, ihre Vorführungen bestanden aus Athletik und Akrobatik.
Im Mittelpunkt dieser Biographie steht auch ein Kolossalmensch aus dem 19.Jh.. Er gehörte zu den bekanntesten in der winzigen Welt der Artisten und Akrobaten. Auch aufgrund seiner Körperfülle blieb gerade dieser Kraftakrobat in Erinnerung. Auf der Insel Poel beginnt am 02.05.1855 die Geschichte des Emil Naucke - einem Kolossalmenschen, Ringer und Gewichtheber. 470 Pfund verteilt auf 1.70m Körpergröße und einen Bauchumfang von 1.90m machten Naucke sprichwörtlich zu einem Giganten. Doch die Körperfülle ließ die Bewegungen keinesfalls plump erscheinen. Er hantierte mit Eisenkugeln, trat als Akteur in komischen Rollen auf, und vollführte kraftakrobatische Kunststücke mit erstaunlicher Leichtigkeit und Eleganz. Naucke wird in alten Quellen zu den ersten Berufsringern Deutschlands gezählt. Diese waren oft die Lehrer der späteren Profiringer. Aber die Herausbildung des eigentlichen Berufsringers dauerte eine Zeit lang. Gegen Mitte des 19.Jh. hatte man nur wenige Kraftsportvereine, in denen trainiert werden konnte. Nauckes Mitspieler waren zu Lebzeiten Carl Abs (Hamburg), Adolf Grün (Berlin), Charles Ernest (Berlin), Carl Kemp (Königsberg), John Grün (Luxemburg), Hans Steyrer (München) und Franz Föttinger (Wien). Darüber hinaus noch einige andere mehr.
[Bild: http://www.imgimg.de/uploads/N2bf9bb0ebjpg.jpg]
1893/94
Während der Jahrmarkt noch bis Anfang des 18.Jh. die beliebteste Unterhaltungsform stellte, rutschte Mitte des 18.Jh. allmählich eine weitere Form der Unterhaltung in den Vordergrund, der Zirkus. Sieht man von den antiken Zirkussen im Römischen Reich ab, wo man auf Leben und Tod kämpfte, liegen die Wurzeln des eigentlichen Zirkus in England und Frankreich. Philipp Astley, der Vater des Zirkus, eröffnete in London eine Reiterschule. Diese ähnelte zunächst den meisten anderen europäischen Reiterschulen. Im Laufe der Zeit machte sich aber eine deutliche Abgrenzung bemerkbar: Bei Astley stand nicht nur der Pferdesport im Mittelpunkt. Er ließ Akrobaten, Dresseure, Kraft - und Kolossalmenschen sowie Athleten in ganzen Rahmenprogrammen auftreten. Dazu kamen sehr oft mimische Szenen mit dem Pferd und Pantomimen zum Einsatz. Fast alle Kunststücke des einstigen Jahrmarktes wurden übernommen. 1782 überdachte Astley die Reiterschule und nannte sie "Astleys Amphittheater". Der Zirkus war geboren. Die Bezeichnung aber eher weniger, denn Astley mochte den Begriff nicht. Zwar kannte man in England das Wort Zirkus schon, aber die endgültige Durchsetzung ließ noch über 20 Jahre auf sich warten. Für die Verbreitung des Begriffs Zirkus sorgte Kaiser Napoleon höchst persönlich. Per Dekret verbot er 1806 den Betreibern das Wort "Theater" in der Bezeichnung "Pferdetheater". 1807 eröffneten nun die Gebrüder Franconi in Paris den "Cirque Olympique", anliegend zu den Veranstaltungen aus antiken Zeiten. Damit war die Kunstform "Zirkus" perfekt.
Der Zirkus bestimmte im Hinblick auf die Ringkämpfe nahezu das gesamte 19.Jh.. Nebenbei gab es noch die Ringer in den Turnvereinen, die sich im "Flachringen" und "Turner-Ringkampf" probierten. Und natürlich die die in Schaubuden durch die Lande zogen. Das Ende der Jahrmarktstraditionen kam durch das allgemeine Desinteresse zustande. Chronisten fanden nur äußerst selten zu den Veranstaltungen. Deshalb gibt es über frühe Kraftmenschen kaum Aufzeichnungen. Auch das Zeitalter der Industriealisierung hinterließ Spuren. Dazu schrieb der Autor Lothar Groth 1983:"Durch die fortschreitende Mechanisierung und Automatisierung verstärkt sich die Bewegungsarmut und die einseitige Belastung der Menschen. Den Ausgleich suchen viele in sportlicher Betätigung, um ihren Körper in Kraft, Ausdauer und Spannkraft zu trainieren. Mit Hilfe des Kraftsports läßt sich dieses Bestreben in sinnvolle Bahnen lenken." Daneben empfand man die "Schaubudenszene" auch als unseriös. Sie unterlag der starken Zensur durch die Kirche. Und der wohl wichtigste Grund, dem Erstarken des Pferdesports. Die meisten Artisten, Akrobaten und Seiltänzer verlegten ihre Kunststücke auf den Pferderücken.
Naucke entstammte offenbar einer Riesenfamilie. So soll der Großvater, ein Schmied, schon 518 Pfund auf die Waage gebracht haben, und dazu noch einen Bauchumfang von 2.47m. Die große Karriere war dem Poeler nicht in die Wiege gelegt worden, und so musste er sich erstmal mit dem Bäckerhandwerk begnügen. Doch schon bald rutschte Naucke ins Schaugeschäft. Seine aktive Zeit als Ringer und Kraftakrobat beginnt im Alter von 14 Jahren. Als Mitglied einer Artistengruppe reiste er quer durch Europa und Teile der USA. Der Leibesumfang nahm dabei stätig zu. Der "dicke Naucke", so nannten ihn die Zuschauer scherzhaft, stand aufgrund seiner Gestalt automatisch im Mittelpunkt. Kolossalmenschen waren aber generell Anziehungspunkte - ob professionell oder unfreiwillig. Es gibt viele Berichte über Auftritte von Kolossalmenschen. Manche erschienen schon im 17.Jh.. So konnte man damals bereits als übergewichtiger oder übergroßer Mensch gutes Geld verdienen. Bei entsprechend vielen Auftritten versteht sich. Dass es genügend Möglichkeiten gab, dafür sorgten schon früh einige Veranstalter.
[Bild: http://www.imgimg.de/uploads/N382851b76jpg.jpg]
1895 oder 96
Neben den Jahrmarktsbuden und dem Zirkus, waren in den USA die "Dime - Museen" Orte, wo man Menschen mit Abnormitäten bestaunen konnte. Also körperliche Missbildungen bedingt durch Krankheit oder Vererbung. Das berühmteste "Dime - Museum" war wohl das von Phineas Taylor Barnum, dass er 1842 in New York eröffnete. Durch Zahlung eines entsprechenden Entgeldes hatten die Zuschauer die Möglichkeit, "ungewöhnliche Menschen" zu bewundern. Riesen, Zwerge, Bartfrauen, Doppelmenschen, Haarmenschen, Albinos, Arm - und Beinlose, Rumpfmenschen, Kolossalmenschen, Haut - und Knochenmenschen oder Vogelköpfe präsentierten dabei artistische Kunststücke oder erstaunliche Fertigkeiten. Mitunter reichte schon die plumpe Zurschaustellung. Gerade dies war aber bei Menschen mit angeborenen Missbildungen sehr inhuman. Oft wurde dadurch nur die Sensationslust der Zuschauer befriedigt. Allerdings hatten gerade die Kolossalmenschen durch ihren Körperbau Möglichkeiten, ungewöhnliche Kraftstücke oder artistische Attraktionen zu zeigen. Und diese zogen dann die Zuschauer quasi von alleine an. Auch Naucke konnte daraus Profit schlagen.
Als sog. Berufsringer kämpfte er im Hamburger Zirkus "Renz" gegen den Franzosen Andre Christol. Mittlerweile über 200kg schwer, schaffte es Christol nicht ihn von den Beinen zu bekommen. Geschweige denn überhaupt seinen Leib zu umfassen. Das hatte in den ganzen Jahren nicht ein Ringer hin bekommen. Dass doch ungleiche Duell entschied der Poeler für sich. Christol versuchte ihn ständig umzuwerfen, dabei rief ein Zuschauer plötzlich "Naucke - Holl di!". Dem folgte das Publikum und so ertönte der Ruf im ganzen Zirkus. Hierbei entstand gleichzeitig der Schlachtruf der Hamburger. "Holl di" - hieß soviel wie "nicht umwerfen lassen". Naucke ließ sich nicht umwerfen - nicht einmal. Zumindestens im Kampf gegen Christol. Ebenfalls im Zirkus "Renz" besiegte Naucke den damaligen Champion Heinrich Winzer und bekam dafür 300 goldene Reichsmark als Wetteinsatz. Sein bekanntester Gegner im Ringkampf war gleichzeitig auch Deutschlands populärster Berufsringer - Carl Abs. Naucke verlor diesen Kampf. Abs konnte Naucke im Ring an Popularität weit übertreffen. Im Gegensatz zur Kraftakrobatik war sein enormes Körpergewicht im Ring eine Belastung. Als Ringer kämpfte er noch mehrfach in England, Frankreich und Amerika.
Egal ob Kraftakrobatik, Ringkämpfe, Parodien, Gewichtheben oder Radartistik - Naucke war vielseitig aktiv. Das machte ihn für die Zuschauer auch zur Sensation. Bei seinen Tourneen in die USA erzielte er vor allem mit Wilhelm Löther rege Aufmerksamkeit. Löther, ein Steinmetz aus Weißenfels, wog seinerseits 472 Pfund. Naucke war nicht weit davon entfernt. Die beiden als "ungleiches Bruderpaar" verkauften Kraftakrobaten zeigten Kunststücke, die ihnen keiner zugetraut hätte. Besonders die Glanznummern standen bei den Amerikanern hoch im Kurs. Hier in Deutschland war Nauckes Eisenkugel bekannt. Die 37,5kg schwere Kugel befestigte er an einer eisernen Kette, und schwenkte sie um den Körper. Die Zuschauer riefen laut "Oh!", wenn er die Kugel plötzlich hoch schleuderte und auf sein Genick klatschen ließ. Nach Nauckes eigenen Berichten sei das gleich mehrere Dutzend Mal passiert. Und außerdem sei es nur "zur Erholung" gewesen. Auch andere Kraftakte vollbrachte der Poeler. So stemmte er dreimal einarmig ein Eisengewicht von 106kg. Die Gesamtbelastung des Körpers stieg dabei auf bis zu 700kg. Aber selbst da wirkten Nauckes Bewegungen kaum plump. 2 eiserne Kugeln, die durch eine Stange verbunden waren, wirbelte er in allen erdenklichen Stellungen über seinen Kopf. Die Kugeln wogen zusammen 100kg. Hermann Waldemar Otto schrieb 1895: "Mit einem 108pfündigen Gewehr macht er echt preussische Griffe und Exercitien, das manchem alten Soldaten unter den Zuschauern beim blossen Anblick die "Knochen im Leibe" knacken." Auch war Naucke ein Seiltänzer, was angesichts seiner Leibesfülle grotesk erscheint.
[Bild: http://www.imgimg.de/uploads/N61ca6da0cjpg.jpg]
Ringkämpfe spielten im Zirkus zeitweilig eine Rolle. So trug der Zirkus "Busch" in Hamburg, Wien, Berlin und Breslau bis Anfang des 20.Jh. Ringkampf-Konkurrenzen aus. Auf die Dauer erwiesen sie sich aber als ungeeignet für Bühne und Manegé. Nur im russischen Zirkus hatten die Ringkämpfe noch eine größere Bedeutung. Die Ringer galten hier als Art Ersatzbefriedigung im Volk, als Folge der ständigen Unterdrückung von reaktionären Gruppen. Auch der Zirkus wurde zu Zwecken des Militarismus mißbraucht. So waren starke Manipulationen der Menschen in reaktionärer Form nicht selten anzutreffen. Hier in Deutschland entstand neben dem Zirkus noch eine "Szene" in den Varietétheatern, Messehallen und Restaurants.
Die Schaubudenszene war trotz der mangelnden Akzeptanz aber nicht ganz verschwunden. Hier und da fand man noch eine Bude, wie die etwa von der Schaustellerfamilie Robert Kern in Leipzig. Mit dem Slogan "Original - Herkules - Ringkämpfer - Truppe/Stärkste Männer Sachsens", versuchte man noch starke Männer aus dem Publikum zu finden. Ganz besonders gut gelang das Lina Kern. Dazu schrieb Lothar Groth:"Das Gekreisch und Gebimmel der Karussells und Automaten rundum wurde viele Jahre von ihrer energischen Stimme übertönt. Wenn im Publikum starke Männer auftauchten, die eine Gefahr für die Budenathleten werden konnten, meisterte Mutter Kern mit nie versiegender Schlagfertigkeit und unverwüstlichem Humor großartig die Situation." Noch bis 1932 leitete Lina Kern die Geschäfte. 1941 sagte sie in einem Zeitungsinterview: "Machten sich vor der Bude wirklich mal Männer mausig, dann wurde es ihnen ordentlich besorgt. Meine Leute waren schließlich Berufsathleten und verstanden ihr Geschäft. Der Sport steckte noch in den Anfängen, und was sich so Box - und Ringkämpfer nannte - da war nicht viel dahinter." Heute noch betreibt die Familie Heinen, als eine der letzten Veranstalter, eine Bude mit Kirmesboxern. Trotz der Konkurrenzen im Zirkus, kamen größere Ringerturniere auf Profiebene erst Ende des 19.Jh. in Mode.
Emil Naucke - Ein Leben für das Varieté
Emil Naucke war eine der seltsamsten Erscheinungen aus der Masse des fahrenden Volkes. In Bezug auf seine Körperverhältnisse begeisterte er ein großes Publikum. Sein partieller Riesenwuchs war stets Anziehungspunkt Nr.1. Er hatte eine extreme Muskeldicke und Knochenstärke, die den kugeligen Körper grotesk erscheinen ließen. Das Varieté wurde für Naucke zum Lebensmittelpunkt, bis zum frühen Tode.
[Bild: http://www.imgimg.de/uploads/N160cf2d5djpg.jpg]
Die Welt der Kraftmenschen war im Vergleich zu heute vor über 100 Jahren noch winzig klein. Doch gab es schon unter den Ringern jener Zeit hartnäckige Konkurrenzen. Auf der Suche nach Erfolg, Geld und Ruhm waren Schaubuden und Zirkusse die idealen Austragungsorte. Ringer, Fechter, Schwertkämpfer, Akrobaten, Seiltänzer, Zauberkünstler und Jongleure bildeten das "Fahrende Volk", welches bereits vor Jahrhunderten quer durch die Lande zog. Ihr Zuhause waren die Landstraßen, die Kirchenfeste, die Feste am Hofe des Adels und die Veranstaltungen auf den Jahrmärkten. Die Schaubuden und Jahrmärkte waren noch weit vor dem Zirkus beliebte Treffpunkte für Kraftmenschen. Die Bezeichnung für die jeweiligen Akteure nahm in den Jahren immer mehr Formen an. So entstand im Volksmund eine ganze Reihe an Wörtern, die im Kern den Kraftmenschen charakterisierten. Von Kraftsportler, Athlet, Kraftathlet bis stärkster Mann oder stärkste Frau der Welt, ist alles dabei gewesen. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, tauchten auch kuriose Namen wie Eisenkönig, Eisenzahn, Herkules, Samson, Heros oder Miss Atlas auf.
Obwohl viele Kraftakrobaten ebenfalls als Ringer in Erscheinung traten, gibt es zwischen dem Akrobaten und Athleten schon einen Unterschied: So arbeitet der Akrobat als Artist. Er demonstriert Körperkraft und Muskelbeherrschung in künstlerischer Form. Der Kraftathlet arbeitet hingegen mit einem gewissen Wettkampfcharakter. Dennoch sind die Grenzen zwischen Kraftakrobat und Kraftathlet fließend. Viele Trainingsmethoden werden auch von der anderen Seite benutzt. Der Kraftakrobat stellt also seine künstlerische Darbietung in Form einer artistischen Nummer in den Mittelpunkt. Oft mit Hilfe von Kostümen, Requisiten, Musik und Beleuchtung. Beim Kraftathleten steht hingegen der Wettkampf an oberster Stelle. Auch wenn der Kraftakrobat im engeren Sinne kein Sportathlet ist, kommt selbst das heutige Wrestling ohne Akrobatik nicht aus. Die etlichen Highflyer beweisen das ja täglich. Die Jahrmärkte sind vom Mittelalter bis ins 18.Jh. hinein eine bestimmende Unterhaltungsform gewesen. Vielfältige Schaustellungen, Kunststücke, Kraftproben, Box - und Ringkämpfe standen hier im Mittelpunkt. Als Zentrum für Handel und Belustigung bot gerade der Jahrmarkt dem "Fahrenden Volk" ein reiches Betätigungsfeld. Und das schon vor etlichen Jahrhunderten. So präsentierten sich bereits Kraftakrobaten und Ringer auf dem Jahrmarkt in Würzburg im August 1031. Dieser gilt als ältester deutscher Jahrmarkt, der noch überliefert ist. Doch nicht nur Ringer belustigten die Zuschauer - auch Seiltänzer, Dresseure, Puppenspieler, Komödianten und Kolossalmenschen traten in Erscheinung. Besonders die letztgenannte Gruppe der Kolossalmenschen war zumeist ein Höhepunkt der Attraktionen. Wenngleich diese Kolosse mitunter komisch aussahen, durfte man sie nie unterschätzen. Im Gegenteil, ihre Vorführungen bestanden aus Athletik und Akrobatik.
Im Mittelpunkt dieser Biographie steht auch ein Kolossalmensch aus dem 19.Jh.. Er gehörte zu den bekanntesten in der winzigen Welt der Artisten und Akrobaten. Auch aufgrund seiner Körperfülle blieb gerade dieser Kraftakrobat in Erinnerung. Auf der Insel Poel beginnt am 02.05.1855 die Geschichte des Emil Naucke - einem Kolossalmenschen, Ringer und Gewichtheber. 470 Pfund verteilt auf 1.70m Körpergröße und einen Bauchumfang von 1.90m machten Naucke sprichwörtlich zu einem Giganten. Doch die Körperfülle ließ die Bewegungen keinesfalls plump erscheinen. Er hantierte mit Eisenkugeln, trat als Akteur in komischen Rollen auf, und vollführte kraftakrobatische Kunststücke mit erstaunlicher Leichtigkeit und Eleganz. Naucke wird in alten Quellen zu den ersten Berufsringern Deutschlands gezählt. Diese waren oft die Lehrer der späteren Profiringer. Aber die Herausbildung des eigentlichen Berufsringers dauerte eine Zeit lang. Gegen Mitte des 19.Jh. hatte man nur wenige Kraftsportvereine, in denen trainiert werden konnte. Nauckes Mitspieler waren zu Lebzeiten Carl Abs (Hamburg), Adolf Grün (Berlin), Charles Ernest (Berlin), Carl Kemp (Königsberg), John Grün (Luxemburg), Hans Steyrer (München) und Franz Föttinger (Wien). Darüber hinaus noch einige andere mehr.
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1893/94
Während der Jahrmarkt noch bis Anfang des 18.Jh. die beliebteste Unterhaltungsform stellte, rutschte Mitte des 18.Jh. allmählich eine weitere Form der Unterhaltung in den Vordergrund, der Zirkus. Sieht man von den antiken Zirkussen im Römischen Reich ab, wo man auf Leben und Tod kämpfte, liegen die Wurzeln des eigentlichen Zirkus in England und Frankreich. Philipp Astley, der Vater des Zirkus, eröffnete in London eine Reiterschule. Diese ähnelte zunächst den meisten anderen europäischen Reiterschulen. Im Laufe der Zeit machte sich aber eine deutliche Abgrenzung bemerkbar: Bei Astley stand nicht nur der Pferdesport im Mittelpunkt. Er ließ Akrobaten, Dresseure, Kraft - und Kolossalmenschen sowie Athleten in ganzen Rahmenprogrammen auftreten. Dazu kamen sehr oft mimische Szenen mit dem Pferd und Pantomimen zum Einsatz. Fast alle Kunststücke des einstigen Jahrmarktes wurden übernommen. 1782 überdachte Astley die Reiterschule und nannte sie "Astleys Amphittheater". Der Zirkus war geboren. Die Bezeichnung aber eher weniger, denn Astley mochte den Begriff nicht. Zwar kannte man in England das Wort Zirkus schon, aber die endgültige Durchsetzung ließ noch über 20 Jahre auf sich warten. Für die Verbreitung des Begriffs Zirkus sorgte Kaiser Napoleon höchst persönlich. Per Dekret verbot er 1806 den Betreibern das Wort "Theater" in der Bezeichnung "Pferdetheater". 1807 eröffneten nun die Gebrüder Franconi in Paris den "Cirque Olympique", anliegend zu den Veranstaltungen aus antiken Zeiten. Damit war die Kunstform "Zirkus" perfekt.
Der Zirkus bestimmte im Hinblick auf die Ringkämpfe nahezu das gesamte 19.Jh.. Nebenbei gab es noch die Ringer in den Turnvereinen, die sich im "Flachringen" und "Turner-Ringkampf" probierten. Und natürlich die die in Schaubuden durch die Lande zogen. Das Ende der Jahrmarktstraditionen kam durch das allgemeine Desinteresse zustande. Chronisten fanden nur äußerst selten zu den Veranstaltungen. Deshalb gibt es über frühe Kraftmenschen kaum Aufzeichnungen. Auch das Zeitalter der Industriealisierung hinterließ Spuren. Dazu schrieb der Autor Lothar Groth 1983:"Durch die fortschreitende Mechanisierung und Automatisierung verstärkt sich die Bewegungsarmut und die einseitige Belastung der Menschen. Den Ausgleich suchen viele in sportlicher Betätigung, um ihren Körper in Kraft, Ausdauer und Spannkraft zu trainieren. Mit Hilfe des Kraftsports läßt sich dieses Bestreben in sinnvolle Bahnen lenken." Daneben empfand man die "Schaubudenszene" auch als unseriös. Sie unterlag der starken Zensur durch die Kirche. Und der wohl wichtigste Grund, dem Erstarken des Pferdesports. Die meisten Artisten, Akrobaten und Seiltänzer verlegten ihre Kunststücke auf den Pferderücken.
Naucke entstammte offenbar einer Riesenfamilie. So soll der Großvater, ein Schmied, schon 518 Pfund auf die Waage gebracht haben, und dazu noch einen Bauchumfang von 2.47m. Die große Karriere war dem Poeler nicht in die Wiege gelegt worden, und so musste er sich erstmal mit dem Bäckerhandwerk begnügen. Doch schon bald rutschte Naucke ins Schaugeschäft. Seine aktive Zeit als Ringer und Kraftakrobat beginnt im Alter von 14 Jahren. Als Mitglied einer Artistengruppe reiste er quer durch Europa und Teile der USA. Der Leibesumfang nahm dabei stätig zu. Der "dicke Naucke", so nannten ihn die Zuschauer scherzhaft, stand aufgrund seiner Gestalt automatisch im Mittelpunkt. Kolossalmenschen waren aber generell Anziehungspunkte - ob professionell oder unfreiwillig. Es gibt viele Berichte über Auftritte von Kolossalmenschen. Manche erschienen schon im 17.Jh.. So konnte man damals bereits als übergewichtiger oder übergroßer Mensch gutes Geld verdienen. Bei entsprechend vielen Auftritten versteht sich. Dass es genügend Möglichkeiten gab, dafür sorgten schon früh einige Veranstalter.
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1895 oder 96
Neben den Jahrmarktsbuden und dem Zirkus, waren in den USA die "Dime - Museen" Orte, wo man Menschen mit Abnormitäten bestaunen konnte. Also körperliche Missbildungen bedingt durch Krankheit oder Vererbung. Das berühmteste "Dime - Museum" war wohl das von Phineas Taylor Barnum, dass er 1842 in New York eröffnete. Durch Zahlung eines entsprechenden Entgeldes hatten die Zuschauer die Möglichkeit, "ungewöhnliche Menschen" zu bewundern. Riesen, Zwerge, Bartfrauen, Doppelmenschen, Haarmenschen, Albinos, Arm - und Beinlose, Rumpfmenschen, Kolossalmenschen, Haut - und Knochenmenschen oder Vogelköpfe präsentierten dabei artistische Kunststücke oder erstaunliche Fertigkeiten. Mitunter reichte schon die plumpe Zurschaustellung. Gerade dies war aber bei Menschen mit angeborenen Missbildungen sehr inhuman. Oft wurde dadurch nur die Sensationslust der Zuschauer befriedigt. Allerdings hatten gerade die Kolossalmenschen durch ihren Körperbau Möglichkeiten, ungewöhnliche Kraftstücke oder artistische Attraktionen zu zeigen. Und diese zogen dann die Zuschauer quasi von alleine an. Auch Naucke konnte daraus Profit schlagen.
Als sog. Berufsringer kämpfte er im Hamburger Zirkus "Renz" gegen den Franzosen Andre Christol. Mittlerweile über 200kg schwer, schaffte es Christol nicht ihn von den Beinen zu bekommen. Geschweige denn überhaupt seinen Leib zu umfassen. Das hatte in den ganzen Jahren nicht ein Ringer hin bekommen. Dass doch ungleiche Duell entschied der Poeler für sich. Christol versuchte ihn ständig umzuwerfen, dabei rief ein Zuschauer plötzlich "Naucke - Holl di!". Dem folgte das Publikum und so ertönte der Ruf im ganzen Zirkus. Hierbei entstand gleichzeitig der Schlachtruf der Hamburger. "Holl di" - hieß soviel wie "nicht umwerfen lassen". Naucke ließ sich nicht umwerfen - nicht einmal. Zumindestens im Kampf gegen Christol. Ebenfalls im Zirkus "Renz" besiegte Naucke den damaligen Champion Heinrich Winzer und bekam dafür 300 goldene Reichsmark als Wetteinsatz. Sein bekanntester Gegner im Ringkampf war gleichzeitig auch Deutschlands populärster Berufsringer - Carl Abs. Naucke verlor diesen Kampf. Abs konnte Naucke im Ring an Popularität weit übertreffen. Im Gegensatz zur Kraftakrobatik war sein enormes Körpergewicht im Ring eine Belastung. Als Ringer kämpfte er noch mehrfach in England, Frankreich und Amerika.
Egal ob Kraftakrobatik, Ringkämpfe, Parodien, Gewichtheben oder Radartistik - Naucke war vielseitig aktiv. Das machte ihn für die Zuschauer auch zur Sensation. Bei seinen Tourneen in die USA erzielte er vor allem mit Wilhelm Löther rege Aufmerksamkeit. Löther, ein Steinmetz aus Weißenfels, wog seinerseits 472 Pfund. Naucke war nicht weit davon entfernt. Die beiden als "ungleiches Bruderpaar" verkauften Kraftakrobaten zeigten Kunststücke, die ihnen keiner zugetraut hätte. Besonders die Glanznummern standen bei den Amerikanern hoch im Kurs. Hier in Deutschland war Nauckes Eisenkugel bekannt. Die 37,5kg schwere Kugel befestigte er an einer eisernen Kette, und schwenkte sie um den Körper. Die Zuschauer riefen laut "Oh!", wenn er die Kugel plötzlich hoch schleuderte und auf sein Genick klatschen ließ. Nach Nauckes eigenen Berichten sei das gleich mehrere Dutzend Mal passiert. Und außerdem sei es nur "zur Erholung" gewesen. Auch andere Kraftakte vollbrachte der Poeler. So stemmte er dreimal einarmig ein Eisengewicht von 106kg. Die Gesamtbelastung des Körpers stieg dabei auf bis zu 700kg. Aber selbst da wirkten Nauckes Bewegungen kaum plump. 2 eiserne Kugeln, die durch eine Stange verbunden waren, wirbelte er in allen erdenklichen Stellungen über seinen Kopf. Die Kugeln wogen zusammen 100kg. Hermann Waldemar Otto schrieb 1895: "Mit einem 108pfündigen Gewehr macht er echt preussische Griffe und Exercitien, das manchem alten Soldaten unter den Zuschauern beim blossen Anblick die "Knochen im Leibe" knacken." Auch war Naucke ein Seiltänzer, was angesichts seiner Leibesfülle grotesk erscheint.
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Ringkämpfe spielten im Zirkus zeitweilig eine Rolle. So trug der Zirkus "Busch" in Hamburg, Wien, Berlin und Breslau bis Anfang des 20.Jh. Ringkampf-Konkurrenzen aus. Auf die Dauer erwiesen sie sich aber als ungeeignet für Bühne und Manegé. Nur im russischen Zirkus hatten die Ringkämpfe noch eine größere Bedeutung. Die Ringer galten hier als Art Ersatzbefriedigung im Volk, als Folge der ständigen Unterdrückung von reaktionären Gruppen. Auch der Zirkus wurde zu Zwecken des Militarismus mißbraucht. So waren starke Manipulationen der Menschen in reaktionärer Form nicht selten anzutreffen. Hier in Deutschland entstand neben dem Zirkus noch eine "Szene" in den Varietétheatern, Messehallen und Restaurants.
Die Schaubudenszene war trotz der mangelnden Akzeptanz aber nicht ganz verschwunden. Hier und da fand man noch eine Bude, wie die etwa von der Schaustellerfamilie Robert Kern in Leipzig. Mit dem Slogan "Original - Herkules - Ringkämpfer - Truppe/Stärkste Männer Sachsens", versuchte man noch starke Männer aus dem Publikum zu finden. Ganz besonders gut gelang das Lina Kern. Dazu schrieb Lothar Groth:"Das Gekreisch und Gebimmel der Karussells und Automaten rundum wurde viele Jahre von ihrer energischen Stimme übertönt. Wenn im Publikum starke Männer auftauchten, die eine Gefahr für die Budenathleten werden konnten, meisterte Mutter Kern mit nie versiegender Schlagfertigkeit und unverwüstlichem Humor großartig die Situation." Noch bis 1932 leitete Lina Kern die Geschäfte. 1941 sagte sie in einem Zeitungsinterview: "Machten sich vor der Bude wirklich mal Männer mausig, dann wurde es ihnen ordentlich besorgt. Meine Leute waren schließlich Berufsathleten und verstanden ihr Geschäft. Der Sport steckte noch in den Anfängen, und was sich so Box - und Ringkämpfer nannte - da war nicht viel dahinter." Heute noch betreibt die Familie Heinen, als eine der letzten Veranstalter, eine Bude mit Kirmesboxern. Trotz der Konkurrenzen im Zirkus, kamen größere Ringerturniere auf Profiebene erst Ende des 19.Jh. in Mode.
