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Die großen Catcher-Skandale
#11
Teil 5 - Der kämpfende Bär

Das Catchen erlebte in den 70er und 80er Jahren seine Glanzepoche, als Millionen von Menschen die großen Turniere in Mitteleuropa besuchten. Mittlerweile haben sich mehr Veranstalter etabliert, die das "Rummelplatz - Image" von einst endgültig abschaffen wollten. Leider ein trostloser Versuch, da vereinzelte Veranstalter genügend Zündstoff für die Presse lieferten. Neben Gustl Kaiser - der bereits seit 1946 Turniere austrug - waren Paul Berger, Edmund Schober, Heinrich Kaiser und Nicola Selenkowitsch bekannte Veranstalter in Deutschland. Hamburgs Catcher-König war für eine gewisse Zeit Sven Hansen, der u.a. am Heiligengeistfeld Turniere durchführte. In den ersten Nachkriegsjahren standen Catch-Turniere hoch im Kurs, und das schien sich auch jetzt fortzusetzen. Am 02.10.1976 aber wird eine Fernsehsendung im ZDF zum herben Schicksalsschlag. Bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik konnte man diese Sendung sehen. Sie erzeugte eine allgemeine mitunter scharfe Kritik am Catchen und stärkte die Position der Kritiker. Ihre schon vorgefasste Meinung blieb freilich bis zur Jahrtausendwende bestehen. Ein schleichender Zuschauerrückgang begann, so dass sogar Hannover und Bremen ihre "CWA" Tore schließen mussten.

Im "Aktuellen Sportstudio" in Wiesbaden war für den 02.10.1976 ein Kampf zwischen Roland Bock und dem Catcher-Bär "Yogi" angekündigt worden. Hinter "Yogi" verbarg sich eine echte 14-Jährige Braunbär-Dame aus der Ukraine. Sie war Teil einer Catcher-Truppe, die seit 1976 durch Deutschland tourte. "Internationales Damen - und Herren Catch" ließ der Veranstalter - die "Euro Catch GmbH" aus Tuttlingen - auf zahlreichen Programmhinweisen abdrucken. In dieser Truppe fand man Linda Blair, "die Catcherin mit der größten Oberweite", Kung Fu, "der Nachfolger von Bruce Lee", Joe Critchley, "Europas größter Catch-Clown", Peter Kayser, Dennis King, Micki Sulivan, Barbarella, Ian Gilmour, Peter Gurr und der 150kg Brocken Denny Lynch. Die Bären-Dame Yogi wurde als Sensation verkauft, in dem sie die rabiaten Catcher in schach hielt. Auch einige Zuschauer versuchten ihr Glück, denn immerhin winkten 100 Mark, sollte Yogi im Ringstaub landen. Im August 1976 musste ein Bäcker in Bad Segeberg seinen Mut mit einem gebrochenen Bein bezahlen. Der Kampf dauerte nur 3 Sekunden. Ein 38-Jähriger brach sich den Arm.

Führender Kopf der Catcher-Truppe war Roland Bock, Ex-Europameister der Amateurringer von 1970. Unter Veranstalter Gustl Kaiser gewann Bock die "Deutsche Meisterschaft", das "Europa - Championat", die "Europameisterschaft" und den "Europa - Pokal" von 1974. Im Professionallager des IBV war für Bock aber bald das Ende gekommen, da sich interne Meinungsverschiedenheiten anbahnten. Ein für 1975 angesetzter Kampf gegen Horst Hoffmann wurde schon abgesagt. Als Bock ausschied, rutschte in Kaisers Turnieren der aus Graz stammende Otto Wanz. Bock machte sich als Catch-Veranstalter einen schlechten Namen unter seinen ehemaligen "Kollegen". Man sah es nicht gerne, dass er Frauen und sogar Tiere antreten ließ. Der Hamburger Veranstalter Sven Hansen sagte in einem Zeitungsinterview am 04.10.1976: "Wir bemühen uns seit Jahren, das Catchen vom Geruch des Rummelplatzes zu befreien, und dann kommt Roland Bock mit einem catchenden Bären. Das ist absoluter Zirkus, den wir nicht mitmachen. Roland Bock ist es auch, der Frauen-Catchen veranstaltet. Ich hatte ihn zu Beginn seiner Catch-Laufbahn unter Vertrag, aber ich habe ihn - wie alle bedeutenden Catch-Veranstalter in der Bundesrepublik auch - rausgeschmissen, weil er charakterlich nicht in Ordnung ist und mit allen Mätzchen eine schnelle Mark machen will. Darum veranstaltet er jetzt selbst." Hansen reagierte damit auf die schon angedeutete Fernsehsendung im ZDF. Er war äußerst erbost über die Berichterstattung, die das Catchen allgemein ins schlechte Licht rückte. Bock sah darin aber die ideale Werbung für seine Catcher-Truppe. Als Sensation hätte sich der angekündigte Kampf Bock vs. Yogi sicherlich verkaufen lassen können, aber er kam nicht mehr zustande.

Das "Aktuelle Sportstudio" unter Moderator Dieter Kürten begann normal mit den üblichen Berichten zur Bundesliga. Vor dem geplanten Bärenringkampf traf der Engländer Peter Gurr auf den glatzköpfigen Hünen Denny Lynch. Zwei Catcher aus Bocks Truppe, die sich schon mehrmals gegenüberstanden. Lynch packte Gurr und hämmerte zweimal mit seinem Schädel auf ihn ein. Anschließend schleuderte er Gurr zu Boden. Gurr zog sich allerdings eine klaffende Platzwunde an der Stirn zu. Was schlimm aussah, war eine stark blutende Gesichtswunde, die später im Krankenhaus behandelt wurde. Dieses Szenario entwickelte sich jedoch zum "Blutbad" für das Catchen. Die Proteststürme begannen und erreichten eine seltene Heftigkeit. Moderator Dieter Kürten rief: "Ein Arzt! Ist ein Arzt unter den Zuschauern?" Die Mehrzahl der 150 Zuschauer war für den Abbruch des Spektakels. Sendeleiter Helmut Bendt sagte daraufhin das Match Bock vs. Yogi ab. Roland Bock versicherte, dass Yogi ein harmloser Braunbär sei. Yogi wartete bereits am Ring, doch Bock stieß auf taube Ohren und musste sich einer überzogenen Kritik entgegenstellen.

Im Mainzer Sendezentrum des ZDF glühten die Telefone und harsche Leserbriefe kamen per Post: "Die brutalen Szenen, die sich beim Auftreten der Catcher ereigneten, müssen jeden wirklich sportlich Gesinnten mit Abscheu und Ekel erfüllt haben." Eine Welle von Proteststürmen erzeugte vor allem die Presse: "Als das Blut floß, kam die Angst vor dem Bären" - "Blut im Studio lieben wir gar nicht." ZDF-Sportchef Hans-Joachim Friedrichs reagierte mit Ablehnung. Ein Zuschauer erstattete Anzeige gegen den Fernsehsender bei der Staatsanwaltschaft Mainz. Auch viele kritische Stimmen von Anhängern des Berufsringkampfes ertönten. Willi Baier - ehemaliger VDB-Vorsitzender - schrieb am 06. Oktober an Friedrichs: "Aktive Berufsringer oder Catcher, wenn Sie es so wollen, haben es nicht nötig, einen derartigen Zirkus mitzumachen, geschweige mit Bären zu ringen, was ja für Sie die Attraktion sein sollte." Trotz dieser Kritiken war Bocks Truppe bis November 1976 schon 150 Tage auf Tournee durch Deutschland. Man bezahlte für die Hauptsensation Bär vs. Catcher. Yogi trat noch bei Rudi Carells Show "Am laufenden Band" gegen Freiwillige an. Ein 17-Jähriger erlitt Prellungen. Erneut kam es deshalb zu Protesten. Manche deuteten schon an, Tierschutzverbände einzuschalten. Viele Ringkampffreunde sahen in Bocks Veranstaltungen eine Schädigung des Berufsringkampfes. 1978 jedoch kämpfte gerade der vielfach kritisierte Roland Bock gegen Japans Wrestling-Legende Antonio Inoki.

Sinn dieser ZDF Veranstaltung war es, die Echtheit des Catchens im Fernsehen zu untersuchen. Mal wieder gab es eine Diskussion um Scheinringkämpfe. Natürlich sahen die Kritiker ihre Position jetzt erst recht bestätigt. Catchen ist Zirkus, Spielerei oder sogar ein Blutbad. 10 Millionen Menschen sahen allerdings 1975 die Catch-Turniere in Deutschland. Eine Zuschauerzahl die man bei anderen Veranstaltungen vergeblich sucht. Skandale begleiteten das Catchen von Anfang an. In den 50er Jahren erreichten sie freilich größere Ausmaße, welche Teils in Schlägereien endeten.
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Die großen Catcher-Skandale - von The Crusher - 15.07.2009, 20:00
[Kein Betreff] - von Mephisto - 15.07.2009, 20:12
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