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Die großen Catcher-Skandale
#19
Teil 2 - Rux gegen Zurth

"Boxer im Catcher-Lager" - 1952 war diese Situation Auslöser für viele Proteststürme aus der deutschen Boxszene. Nach Peter Müller und Wilson Kohlbrecher wechselte im Oktober 1952 eine weitere bekannte Boxgröße namens Konrad "Conny" Rux ins Münchner Catcher-Lager von Veranstalter Rudolf Zurth. Es gab dabei eine Parallele zu Müller: Rux' Catcher-Laufbahn dauerte keine zwölf Monate. Auch Müller scheiterte, obwohl er energisch trainierte, um letztendlich doch zum Boxen zurück zu kehren. Das erreichte Rux nicht mehr, da ihn die Berufsboxer-Loge auf Lebenszeit sperrte. Man war sehr erbost, dass ausgerechnet eines der besten Zugpferde zu den Feinden des Profiboxens, den Catchern, übertrat. Zurth lockte ihn schon 1950. Aber erst zwei Jahre später, als Deutschlands Catcher-König satte 100.000 Mark Jahresgehalt bot, wurde Rux weich. Doch von Harmonie und Zusammenarbeit war zwischen beiden im Frühjahr 1954 nicht mehr viel zu spüren. Zuvor schaltete sich Rux' ehemaliger Manager Bruno Müller ein. Er klagte vor dem Berliner Landgericht auf Schadensersatz, da Conny beim überraschenden Wechsel nach München noch unter Müllers Rige stand. Zur Debatte stand der 5-Jahres Vertrag als Boxer. Dann allerdings folgte die Klage von Rux gegen Zurth, die die Gerichte bis Anfang 1958 beschäftigen sollte. Rux klagte, um seinerseits Geld aus einem nicht eingehaltenen Vertrag zu bekommen. Der Prozess Rux gegen Zurth ging über drei Instanzen und endete schließlich mit der Niederlage des Veranstalters vor dem Münchner Landesarbeitsgericht. Aber am Schluss ertönte das Gelächter vieler Zuschauer, die den größten Gerichtsprozess des frühen Catchens miterleben durften. Wie es dazu kam, schildert dieser Teil unserer Serie: "Die großen Catcher-Skandale".

Conny Rux, Jahrgang 1925, wuchs in Berlin auf und arbeitete nach seiner Schulzeit im Werkzeugbau des späteren VEB (Volkseigener Betrieb) Signal- und Sicherungstechnik in Berlin-Treptow. Als Jugendlicher kam er zum Boxsport, wo er gut 20 Amateurkämpfe bestritt. 1943 schickte man ihn zur Kriegsmarine nach Norwegen. Conny geriet noch kurzzeitig in Gefangenschaft, bevor es ihn, nach Kriegsende, ins Lager der Radrennfahrer zog. Dort war der große und blonde Sportbegeisterte schon seit seinem 14. Lebensjahr zu Hause. Sein Vater versteckte das alte Rennrad, bis Conny aus Norwegen zurückkehrte. Er musste nicht lange danach suchen, um neu zu starten. Am 09. September 1945 besiegte er die gesamte Radrennfahrerelite Berlins im Fliegerrennen. Doch der Verdienst war äußerst bescheiden. Im Januar 1946 entschied sich Conny dafür Berufsboxer zu werden. Altmeister Richard Naujocks erkannte das Talent des jungen Burschen. Schnell kontaktierte er die zuständige Boxkommission, die einen Prüfungskampf festlegte. Der Gegner ging in der zweiten Runde K.o.. Wenige Monate später, am 05. Mai 1946, bestritt Rux den ersten Profikampf im Halbschwergewicht. Naujocks, ein kleiner, grauhaariger Mann, trainierte ihn ein knappes Jahr, bis Rux 1948 Bekanntschaft mit dem Boxmanager Bruno Müller machte. Den Wechsel arrangierte der Amateurboxer Wassi. Es war schon eine merkwürdige, teils seltsame Zusammenarbeit zwischen Rux und Müller. Anfangs respektierten sie sich. Es kam jedoch öfters zu ernsten Streitereien, vor allem wegen Schiebungen und Gagen.

Ihre erste gemeinsame Trainingsstätte in Berlin war ein Freiluftring auf dem Dach des unversehrten Hauses Bendlerstraße 11-14. Schon hier sackte sich Müller mindestens 50% der Gagen ein. Trotz seiner vergleichsweise kurzen Laufbahn als Profiboxer, erreichte Rux wesentliche Erfolge: 1949 Deutscher Meister im Halbschwergewicht; 1952 Europameister. Den Titel des Europameisters gab er beim Übertritt zu den Catchern kampflos auf. Das nahm man ihm noch Jahre später übel. Im Jahr 1950 heiratete Conny die Tochter der Schauspielerin Olga Tschechowa, Ada Tschechowa. Olga hatte diese Ehe nie wirklich gebilligt, da das schon die dritte Ehe ihrer Tochter war. Hinter den Kulissen begann schon jetzt ein Grabenkrieg zwischen Ada, Conny und Manager Bruno Müller. Sein Boxmanager war außer sich, als er von der Hochzeit erfuhr. Das Geschäft stand im Mittelpunkt, das Müller nun freilich gefährdet sah. Zu allem Überfluss war Ada auch noch älter als Conny. In dieser Zeit nicht gerade konform. Conny hatte auch kein geregeltes Privatleben. Der Blondschopf wurde in Sportkreisen zeitweise als Schmelings Nachfolger gehandelt. Einen ersten Knick bekam seine Karriere am 20. August 1950 im Ring der Berliner Waldbühne. Vor 25000 Zuschauern verlor Conny gegen den US-Amerikaner Gene "Tiger" Jones. In der fünften Runde ging er K.o.. Die Zuschauer tobten, dass ausgerechnet dieser schwarze Amerikaner die deutsche Nachwuchshoffnung besiegen konnte. Von Schiebung und Flaschenkampf war hier die Rede. Ada Tschechowa schwieg bis zum November 1952, als die Geschäftsbeziehung zwischen Rux und Müller längst der Vergangenheit angehörte. Sie, die fast alle Profikämpfe ihres Mannes am Ring verfolgte, kannte das Treiben hinter dem Ring genau. Müller und dessen Geschäftspartner Fred Kirsch erschienen wenige Tage später bei Rux in der Wohnung. Ada hörte noch, wie Müller sagte: "Du musstest verlieren, du warst zu schlecht in Form." Prompt erschienen diese Zeilen in einer Illustrierten. Der Vorwurf von Absprachen kochte im September 1952 erneut hoch, als Rux gegen den Belgier Karel Sys durch K.o. verlor. Es war gleichzeitig Connys letzter Kampf als Boxer. Ein Zeitungsartikel berichtete davon, wie Müller angeblich zu seinem Schützling sagte: "Bei dem Kampf heute verliert Sys nach Punkten. [...] In Brüssel soll's dann reell gehen, da dürft ihr mal zeigen, was ihr könnt!"

Ada Tschechowa veröffentlichte Ende 1952 weitere Zeitungsartikel, die tief ins Business ihres Mannes eintauchten. Kein Wunder, dass Müller darüber alles andere als erfreut war. Bald gab es deshalb eine erste Gerichtsverhandlung. Doch Müller hatte noch ein anderes Problem: Seine einstige Geldmaschine Conny Rux wechselte zu den Catchern. Rux verlängerte seinen Boxvertrag am 17. Mai 1951 für weitere fünf Jahre, ohne auf das Kleingedruckte zu achten. Von 100 Mark Verdienst blieben ihm, nach eigenen Angaben, nur 18 Mark. Ob das stimmte war für Deutschlands Catcher-König Rudolf Zurth relativ uninteressant. Er hielt nur Ausschau nach weiteren Talenten. Am Rande des "Großen Bayernpreises", den Zurth gerade im Münchner Zirkus Krone plante, erschien eine bekannte Größe aus der Sportpresse zusammen mit Rux im Büro von Zurth. Nach mehreren Diskussionen wurde man sich Mitte Oktober 1952 schließlich einig. So schnell wie möglich sollte Rux ins Catcher-Lager übertreten. Die Boxszene und vor allem Müller wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Dieser Wechsel kam so überraschend, dass die gesamte Boxszene für kurze Zeit erstarrte. Connys Entscheidung blieb nicht ohne Folgen: Knapp vier Wochen später sperrte ihn der "Verband der Faustkämpfer (VdF)" in Berlin auf Lebenszeit. Was allerdings schwerer wog, war der Vertragsbruch mit Müller. Müller erhob Klage vor dem Landgericht Berlin-Charlottenburg. Einerseits verlangte er Schadensersatz aus dem Vertrag von 1951, sowie einen Widerruf der Anschuldigungen durch Ada Tschechowa. Conny hatte das Problem, dass beim Wechsel zu Zurth in seinem Vertrag mit Müller die Worte "auch die Verwertung des Namens" standen. Somit bestand automatisch ein Anspruch auf Teile der Gage, die Rux bis Vertragsende kassieren sollte. Im Hintergrund willigte Zurth ein, 50% der Vergleichssumme zu übernehmen, falls sich Conny denn auf einen Vergleich einlässt. Um nicht horrende Summen zahlen zu müssen, pochte Zurth darauf, dass Conny erst seine Zustimmung einzuholen hätte. Das aber geschah nicht und führte schlussendlich zum zweiten Prozess.

Im Januar 1953 begann die Prozessserie unter den Augen von zahlreichen Reportern und Kameras. Auch etliche Sportfunktionäre interessierten sich für das Spektakel. Ende Mai einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich. Das Landgericht verurteilte Rux zur Zahlung von 12500 Mark als Ausgleichssumme. Ada zog zwar ihre Anschuldigungen zurück, wiederholte sie jedoch 1954 erneut. Mit diesem Vergleich war Müller einverstanden, Zurth hingegen nicht. Das nächste Problem für Conny sollte bald bevorstehen. Wie verlief nun seine "Karriere" als Catcher? Zurth errichtete schnell einen zweiten Ring im Elefantenstall des Zirkus Krone. Hier sollte Conny schnellstmöglich alle Grundlagen des Catchens erlernen. Wenige Tage nach Vertragsunterzeichnung gab Conny sein Debüt im Catcher-Ring gegen Erich Koltschak. Koltschak unterlag schon binnen fünf Minuten vor den rund 2200 Zuschauern des Zirkus Krone. Zurth schrieb 1959: "Als Rux in den Ring kletterte, ging - wie erwartet - der Trubel los. Die Hälfte des Publikums klatschte begeistert Beifall. Die andere Hälfte, hauptsächlich die Box-Anhänger, pfiff aus vollen Lungen." Anfangs brachte Conny gutes Geld für seinen Arbeitgeber. Es war der Name und weniger seine Ringleistung, die das Interesse der Zuschauer auf sich zog. Die Kritiker warteten natürlich nur auf eine Niederlage. Als ihn Zurths Kampfmaschine, I.K-staatenlos, Ende Oktober 1952 halb bewusstlos prügelte, war sein vorzeitiger Rückzug vom Catchen schon fast besiegelt. Zurth gab ihm dennoch ein paar Chancen, so dass er bald 87000 Mark an Gagen verdient hatte. Warum Conny letztendlich scheiterte, begründete Zurth so: "Rux beschränkte sich im Kampf auf das, was er bei seinen ersten Nachhilfestunden gelernt hatte. Wahrscheinlich trug er sich nie mit der Absicht, länger bei mir zu bleiben, als unser erster Vertrag lief, das heißt auf die Dauer eines Jahres. [...] Rux vernachlässigte sein Training, bot immer dasselbe Repertoire und kümmerte sich nur um die Aufstellung seiner Spielautomaten."

87000 Mark waren für den Berliner offensichtlich zu wenig gewesen, da klagte er kurzerhand gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Rudolf Zurth vor dem Münchner Arbeitsgericht. Im März 1954 begann der Prozess, in dem Rux Zurth auf Zahlung von 6250 Mark verklagte. Die Hälfte der Ausgleichssumme, die Rux damals an Müller zahlen musste. Zurth hatte bereits 1000 Mark an Rux gezahlt, die restliche Summe aber verweigert. So hätten sich Rux und Müller ohne seine Zustimmung geeinigt, was ebenfalls Bestandteil des Prozesses war. Laut dem Kläger sei die Zahlung in einem Zusatzvertrag vereinbart worden. Conny konnte das Formular aber nicht mehr finden. Zurth tischte seine Version der Geschichte auf: Demnach hätte ihm Rux zugesichert genügend Belastungsmaterial gegen Müller zu haben. Sprich er werde den Prozess in Berlin gewinnen. Von Müller sei so oder so nichts zu holen. Aber Conny verlor den Prozess gegen Müller. Die erste Runde im Prozess Rux-Zurth endete ohne Ergebnis. Das Gericht setzte einen zweiten Termin fest. Im Juli 1954 verurteilte das Arbeitsgericht München Zurth zur Zahlung von 50% der Ausgleichssumme. Dieser akzeptierte das Urteil allerdings nicht und ging in Berufung. Das Landesarbeitsgericht urteilte jedoch genau so, was Zurth dazu veranlasste vor das Bundesarbeitsgericht in Kassel zu ziehen. Der Revision wurde stattgegeben und das Urteil vom Landesarbeitsgericht Ende 1957 aufgehoben. Die Bundesrichter verwiesen den Fall jedoch nach München zurück, wo nun die letzte Runde im Frühjahr 1958 beginnen sollte.

Im Zusatzvertrag mit Rux stand zwar der Satz: "Sie wollen bitte zuvor meine Genehmigung dazu einholen", was allerdings keiner Verpflichtung entsprach. Die Richter vom Landesarbeitsgericht sahen keinen Vertragsbruch darin, dass sich Rux ohne Zurths Zustimmung mit Müller einigte. In dem Zusatzvertrag sei lediglich eine Bitte formuliert worden. Das Gericht verurteilte Zurth in letzter Instanz zur Zahlung von 6250 Mark. Zurth ergriff das Wort und meinte: "Wenn hier auf der Tür steht 'Tür schließen', dann muss ich sie zumachen, wenn ich hinausgehe. Wenn aber angeschrieben steht 'Bitte Tür schließen', dann ist das nur eine Bitte, der ich nicht nachzukommen brauche. Ist das richtig?". Der Vorsitzende und die Zuschauer lachten. In der volkstümlichen Auffassung hatte er recht, doch die Juristische sei eben anders.

Conny Rux "investierte" seine 87000 Mark für den Vertrieb von Spielautomaten in München. Lange ging dieses Geschäft aber nicht gut, wie auch die Ehe zu Ada. Er reiste für mehrere Jahre ins Ausland, kehrte letztendlich aber doch nach Berlin zurück. Man sah ihn in ein paar Filmen und er verkaufte später Schmieröl. Seine Leidenschaft für das Radfahren hat er nie verloren. So sah man ihn gerne im Berliner Grunewald radeln. Am 12. Januar 1995 starb Conny 69-jährig in Berlin.
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Die großen Catcher-Skandale - von The Crusher - 15.07.2009, 20:00
[Kein Betreff] - von Mephisto - 15.07.2009, 20:12
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