06.11.2010, 11:28
Dietmar Wischmeyer:
Geburtstage
Soziologen haben errechnet, daß jeder Mensch durchschnittlich 200 Freunde und Bekannte hat. Das kann nicht sein, denn das wären ja nur 200 öde Geburtstagspartys im Jahr, mir kommt es eher vor, als seien es 365. Dauernd schleichen Kollegen durch die Firma, ziehen einen Heiermann ein, um vom Gesamterlös einem bedauernswerten Mitgefangenen einen Tischgrill zu besorgen, dargereicht im Set mit einer vorgedruckten Glückwunschkarte "Kaum zu glauben, es ist wahr, hähähä wird heut' 40 Jahr." Für höhöhö hat jemand mit Kuli Egon reingekrakelt. Nach Büroschluß gibt's 'n Gläschen Schädelsprenger und 'ne Salzlette, und der Geburtstag wäre glücklich abgehakt.
Schlimmer ist's bei engeren Bekannten. Wie um stets daran erinnert zu werden, daß unsere irdische Existenz ein Jammertal ist, veranstalten sie sogenannte Geburtstagspartys. Davon lebt mittlerweile eine ganze Industrie. In "Geschenkboutiquen" kann man all die drolligen Staubfänger kaufen, die am Eingang überreicht werden: Raumschiff Enterprise als Toilettenbürste, Plüschaffen, die lustig pfeifen, wenn man ihnen die Eier krault, oder Hundescheiße aus Gummi, die man in den Nudelsalat legt. Hahaha, ham wir gelacht.
Für den eiligen Geburtstagsyuppie gibt's dann noch den Partyservice: Verbrecherorganisationen, die für ein Stück vertrockneter Weißbrotrinde nebst totem Shrimp und MayonnaisePups 5,80 Mark berechnen. Da man vom Fressen allein nicht lustig wird, kreist die Puffbrause, und - huhuhaha - um zwölf kommt ein öliger Südländer durch die Tür und reißt den Schlüpfer runter. Inge kriegt rote Ohren, als der gedungene Nubier seinen Otto an ihren Dingern reibt und alles juchzt. Tolle Stimmung, famose Party. Doch alles ist gekauft, von allein läuft nichts. In der Küche stehen sechs Männer mit dem Arsch am gerupften Buffet gelehnt und schwadronieren über die Existenzfolter im öffentlichen Dienst, an der Hausbar serviert der Gastgeber eigene Cocktailkompositionen: "Einmarsch in Bagdad" - eine Hommage an den Golfkrieg aus drei Sorten Whisky, Kümmel und Dattelsaft; "Alien 3": angebrüteter Eidotter in Wodka usw. Nach einer Stunde sind seine bedauernswerten Opfer reif für den Rettungshubschrauber. Unterdessen ist die allgemeine Fröhlichkeit nicht mehr zu bremsen, auch bekannt unter dem Namen: Kampftrinken mit wechselseitigem Ziepen an den Geschlechtsteilen. Vier Uhr nachts, die bestellten Taxichauffeure klingeln an der Tür, nur um vom Gastgeber wütend wieder davongejagt zu werden: Hahaha, hier kommt keiner lebend raus, jetzt geht die Sause erst richtig los. von wegen. Nachdem der geordnete Rückzug abgeschnitten wurde, macht sich schlagartig Ernüchterung breit. Die lange verdrängte Frage "Wer fährt?" taucht am vernebelten Horizont der zugedröhnten Köpfe auf. Hihihi. Die einen werfen kalt lächelnd den Führerschein ihrer Begleiterinnen in die Flensburger Opferschale, die andern krümmen sich in Embryonalstellung auf der Auslegeware und dämmern dem Sonnenaufgang entgegen.
The day after: Nudelsalatreste zwischen der Shakespeare-Erstausgabe, Shrimps drehen sich einsam auf Plattentellern, Leiber zucken am Boden, Münder, so trocken wie die Mojave-Wüste, krächzen nach Aspirin. 40 Gestalten werden diesen Tag dem Bruttosozialprodukt wieder einmal vorenthalten. 40 Restgehirne werden ein "Nie Wieder formulieren, doch morgen wird die Gabi 34 und wäre echt sauer, wenn es keine tolle Party mit ganz vielen tollen Leuten gäbe. Herzlichen Glückwunsch!
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Land der Gaffer
Des Deutschen Lieblingsbeschäftigung ist zweifelsohne, den Nachbarn vor den Kadi zu schleifen, wenn er ihn bei einer winzigen Unregelmäßigkeit ertappt. Doch fast ebenso gern starrt er ihn dabei an. Ganz gleich, was man tut in dieser Republik, man kann sicher sein, kurz darauf schlappt eine Rentner-Lemure aus ihrer Behausung und glotzt ungeniert. Jede noch so winzige Abweichung von der Ödnis des Alltags wird mit Anstarren beantwortet. "Ein grauer Opel parkt schon seit 10 Sekunden vor meiner Tür", meldet das wachsame Mütterlein stante pede aufs Polizeirevier. Man mache den Test, stelle seinen PKW gegen Abend in einer Wohnstraße ab und lehne sich rauchend für ein paar Minuten an die Kühlerhaube. Zuerst schwenken die Gardinen wie ein Mann zur Seite, kurz darauf knarren die Aluzargen, und frischgebadete Frührentner wackeln unsicher Richtung Jägerzaun. Sie sind das glotzende Kanonenfutter des neugierigen Anrainers. Sollte es sich bei dem rauchenden Figuranten etwa um einen tollwütigen Tschetschenen handeln, so verbleibt lediglich der nutzlose alte Sack im Felde. Besagte Kreatur baut sich nunmehr an der rustikalen Einfriedigung auf und fängt mit Glotzen an. Keine weitere Reaktion, kein freundliches "Hallo", auch kein "Was machen Sie denn hier?", sondern einfach nur Glotzen, dummes ungeniertes Anstarren, vor hundert Jahren noch ein Anlaß, Satisfaktion zu verlangen, sprich: die Duellpistolen um Rat zu fragen. Heute glotzt jeder Bekloppte ungestraft auf alles, was er für anglotzenswert hält. Am liebsten natürlich auf die Autobahnleiche die frisch aus dem Wrack geschnitten im eigenen Blut auf dem Asphalt liegt. Dafür staut sich der Gaffer auch schon mal freiwillig, wenn er für einen Sekundenbruchteil menschliches Elend mit den Augen aufsaugen kann. Doch zumeist tut es auch das weniger Spektakuläre: junge Menschen mit grünen Haaren, alte Leute, die sich auf'n Bart legen - stets ist der erste Impuls: Stehenbleiben und in Ruhe mit Gaffen anfangen, dann kann man immer noch weitersehen. Noch gar nicht lang ist's her, da wurde noch dem Neger hinterhergeglotzt. Heute sehr beliebt als Anstarrungsfläche ist das ethnisch gemischte Pärchen: vorzugsweise die blonde Frau und der schwarze Mann, aber auch der teutonische Wampenträger und die asiatische Lolita. Der Klassiker unter den Anglotznehmern ist und bleibt aber der Behinderte. Vor gar nicht langer Zeit noch als Freakshow über die Jahrmärkte gekarrt, leben die Normabweichler ja heute mitten unter uns - dürfen aber nicht mehr ungeniert angestarrt werden, weil man das ja nicht macht. Wenn man das aber nicht mehr darf, dann sollen sie auch in ihren Heimen bleiben und nicht mit uns in Urlaub fahren oder neben uns wohnen. Basta! Dann glotzen wir doch lieber ungestraft den doofen Nachbarn an.
Geburtstage
Soziologen haben errechnet, daß jeder Mensch durchschnittlich 200 Freunde und Bekannte hat. Das kann nicht sein, denn das wären ja nur 200 öde Geburtstagspartys im Jahr, mir kommt es eher vor, als seien es 365. Dauernd schleichen Kollegen durch die Firma, ziehen einen Heiermann ein, um vom Gesamterlös einem bedauernswerten Mitgefangenen einen Tischgrill zu besorgen, dargereicht im Set mit einer vorgedruckten Glückwunschkarte "Kaum zu glauben, es ist wahr, hähähä wird heut' 40 Jahr." Für höhöhö hat jemand mit Kuli Egon reingekrakelt. Nach Büroschluß gibt's 'n Gläschen Schädelsprenger und 'ne Salzlette, und der Geburtstag wäre glücklich abgehakt.
Schlimmer ist's bei engeren Bekannten. Wie um stets daran erinnert zu werden, daß unsere irdische Existenz ein Jammertal ist, veranstalten sie sogenannte Geburtstagspartys. Davon lebt mittlerweile eine ganze Industrie. In "Geschenkboutiquen" kann man all die drolligen Staubfänger kaufen, die am Eingang überreicht werden: Raumschiff Enterprise als Toilettenbürste, Plüschaffen, die lustig pfeifen, wenn man ihnen die Eier krault, oder Hundescheiße aus Gummi, die man in den Nudelsalat legt. Hahaha, ham wir gelacht.
Für den eiligen Geburtstagsyuppie gibt's dann noch den Partyservice: Verbrecherorganisationen, die für ein Stück vertrockneter Weißbrotrinde nebst totem Shrimp und MayonnaisePups 5,80 Mark berechnen. Da man vom Fressen allein nicht lustig wird, kreist die Puffbrause, und - huhuhaha - um zwölf kommt ein öliger Südländer durch die Tür und reißt den Schlüpfer runter. Inge kriegt rote Ohren, als der gedungene Nubier seinen Otto an ihren Dingern reibt und alles juchzt. Tolle Stimmung, famose Party. Doch alles ist gekauft, von allein läuft nichts. In der Küche stehen sechs Männer mit dem Arsch am gerupften Buffet gelehnt und schwadronieren über die Existenzfolter im öffentlichen Dienst, an der Hausbar serviert der Gastgeber eigene Cocktailkompositionen: "Einmarsch in Bagdad" - eine Hommage an den Golfkrieg aus drei Sorten Whisky, Kümmel und Dattelsaft; "Alien 3": angebrüteter Eidotter in Wodka usw. Nach einer Stunde sind seine bedauernswerten Opfer reif für den Rettungshubschrauber. Unterdessen ist die allgemeine Fröhlichkeit nicht mehr zu bremsen, auch bekannt unter dem Namen: Kampftrinken mit wechselseitigem Ziepen an den Geschlechtsteilen. Vier Uhr nachts, die bestellten Taxichauffeure klingeln an der Tür, nur um vom Gastgeber wütend wieder davongejagt zu werden: Hahaha, hier kommt keiner lebend raus, jetzt geht die Sause erst richtig los. von wegen. Nachdem der geordnete Rückzug abgeschnitten wurde, macht sich schlagartig Ernüchterung breit. Die lange verdrängte Frage "Wer fährt?" taucht am vernebelten Horizont der zugedröhnten Köpfe auf. Hihihi. Die einen werfen kalt lächelnd den Führerschein ihrer Begleiterinnen in die Flensburger Opferschale, die andern krümmen sich in Embryonalstellung auf der Auslegeware und dämmern dem Sonnenaufgang entgegen.
The day after: Nudelsalatreste zwischen der Shakespeare-Erstausgabe, Shrimps drehen sich einsam auf Plattentellern, Leiber zucken am Boden, Münder, so trocken wie die Mojave-Wüste, krächzen nach Aspirin. 40 Gestalten werden diesen Tag dem Bruttosozialprodukt wieder einmal vorenthalten. 40 Restgehirne werden ein "Nie Wieder formulieren, doch morgen wird die Gabi 34 und wäre echt sauer, wenn es keine tolle Party mit ganz vielen tollen Leuten gäbe. Herzlichen Glückwunsch!
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Land der Gaffer
Des Deutschen Lieblingsbeschäftigung ist zweifelsohne, den Nachbarn vor den Kadi zu schleifen, wenn er ihn bei einer winzigen Unregelmäßigkeit ertappt. Doch fast ebenso gern starrt er ihn dabei an. Ganz gleich, was man tut in dieser Republik, man kann sicher sein, kurz darauf schlappt eine Rentner-Lemure aus ihrer Behausung und glotzt ungeniert. Jede noch so winzige Abweichung von der Ödnis des Alltags wird mit Anstarren beantwortet. "Ein grauer Opel parkt schon seit 10 Sekunden vor meiner Tür", meldet das wachsame Mütterlein stante pede aufs Polizeirevier. Man mache den Test, stelle seinen PKW gegen Abend in einer Wohnstraße ab und lehne sich rauchend für ein paar Minuten an die Kühlerhaube. Zuerst schwenken die Gardinen wie ein Mann zur Seite, kurz darauf knarren die Aluzargen, und frischgebadete Frührentner wackeln unsicher Richtung Jägerzaun. Sie sind das glotzende Kanonenfutter des neugierigen Anrainers. Sollte es sich bei dem rauchenden Figuranten etwa um einen tollwütigen Tschetschenen handeln, so verbleibt lediglich der nutzlose alte Sack im Felde. Besagte Kreatur baut sich nunmehr an der rustikalen Einfriedigung auf und fängt mit Glotzen an. Keine weitere Reaktion, kein freundliches "Hallo", auch kein "Was machen Sie denn hier?", sondern einfach nur Glotzen, dummes ungeniertes Anstarren, vor hundert Jahren noch ein Anlaß, Satisfaktion zu verlangen, sprich: die Duellpistolen um Rat zu fragen. Heute glotzt jeder Bekloppte ungestraft auf alles, was er für anglotzenswert hält. Am liebsten natürlich auf die Autobahnleiche die frisch aus dem Wrack geschnitten im eigenen Blut auf dem Asphalt liegt. Dafür staut sich der Gaffer auch schon mal freiwillig, wenn er für einen Sekundenbruchteil menschliches Elend mit den Augen aufsaugen kann. Doch zumeist tut es auch das weniger Spektakuläre: junge Menschen mit grünen Haaren, alte Leute, die sich auf'n Bart legen - stets ist der erste Impuls: Stehenbleiben und in Ruhe mit Gaffen anfangen, dann kann man immer noch weitersehen. Noch gar nicht lang ist's her, da wurde noch dem Neger hinterhergeglotzt. Heute sehr beliebt als Anstarrungsfläche ist das ethnisch gemischte Pärchen: vorzugsweise die blonde Frau und der schwarze Mann, aber auch der teutonische Wampenträger und die asiatische Lolita. Der Klassiker unter den Anglotznehmern ist und bleibt aber der Behinderte. Vor gar nicht langer Zeit noch als Freakshow über die Jahrmärkte gekarrt, leben die Normabweichler ja heute mitten unter uns - dürfen aber nicht mehr ungeniert angestarrt werden, weil man das ja nicht macht. Wenn man das aber nicht mehr darf, dann sollen sie auch in ihren Heimen bleiben und nicht mit uns in Urlaub fahren oder neben uns wohnen. Basta! Dann glotzen wir doch lieber ungestraft den doofen Nachbarn an.
