08.08.2008, 18:46
Im Kaukasus droht ein offener Krieg zwischen Russland und Georgien: Nach Georgiens Einmarsch verteidigt Moskau die abtrünnige Provinz Südossetien. In deren Hauptstadt liefern sich Russen und Georgier Gefechte. Die USA schicken einen Unterhändler, um einen Flächenbrand zu verhindern.
Moskau - Die Zahlen klingen dramatisch, unabhängig überprüft sind sie allerdings nicht. Bei den Kämpfen in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali sollen nach Angaben der dortigen Machthaber mehrere hundert Zivilisten getötet worden sein. Der Präsident des abtrünnigen Gebiets, Eduard Kokojty, machte der russischen Agentur Interfax zufolge Georgiens Offensive dafür verantwortlich. Ein Minister sprach am späten Nachmittag sogar von mehr als tausend Toten. Bei den Kämpfen in Zchinwali sollen auch zehn russische Soldaten getötet worden sein.
KÄMPFE IN SÜDOSSETIEN: KRIEG IM KAUKASUS
Auch Russland, das mit Südossetien verbündet ist und inzwischen einen langen Konvoi von Panzern und Truppen dorthin geschickt hat, erhebt Vorwürfe, die bisher kaum zu überprüfen sind: Außenminister Sergej Lawrow sagte, man habe von "ethnischen Säuberungen in Dörfern in Südossetien" bei der georgischen Militäroffensive erfahren. "Die Zahl der Flüchtlinge wächst. Eine humanitäre Krise zeichnet sich ab." Präsident Dmitri Medwedew hatte die Verstärkung der sogenannten "russischen Friedenstruppen" in Südossetien mit dem Schutz russischstämmiger Bürger begründet, die dort zu Zehntausenden leben.
Der Konflikt um die Provinz ist auch eine Propagandaschlacht - Südossetien und das verbündete Russland wollen Georgien als Angreifer brandmarken. Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili dagegen stellt sein Land als Opfer von Attacken abtrünniger Südosseten und russischer Aggression dar.
In einem Interview mit dem US-Sender CNN sagte er, Russland kämpfe "mit uns einen Krieg in unserem eigenen Land". Saakaschwilis Regierung hatte von einem russischen Bombenangriff auf eine Luftwaffenbasis 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Tiflis berichtet; man habe außerdem mehrere russische Kampfjets abgeschossen. Der georgische Präsident bat die USA um Unterstützung. Es sei im Interesse der Vereinigten Staaten, seinem Land zu helfen: "Es geht nicht mehr nur um Georgien. Es geht um Amerika und seine Werte. Wir sind ein Freiheit liebendes Land, das derzeit angegriffen wird."
International riefen Politiker beide Streitparteien zum Einlenken auf. Die USA, die EU, die Nato und Deutschland forderten ein Ende der Kämpfe. Das US-Außenministerium kündigte an, einen Unterhändler in die Region zu schicken. Man mache allen Parteien Druck, die Lage zu deeskalieren. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) will einen Vertreter in die Krisenregion schicken.
"Wenn dies nicht Krieg ist, dann sind wir sehr nah am Krieg"
Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain forderte eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrates, um Russland Druck zu machen, in Südossetien umzudenken (mehr...). Der russische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin warf dagegen dem Westen vor, die Regierung Saakaschwilis "moralisch" unterstützt zu haben. "Wir warnen die Nato vor einer weiteren Unterstützung Saakaschwilis", sagte er der Agentur Interfax.
Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, bisher gebe es keine offizielle Bitte Georgiens um Hilfe. Es habe nur Kontakt mit georgischen Offiziellen gegeben, sagte ein Sprecher. Auch die mehr als hundert in Georgien stationierten US-Militärausbilder seien "in keiner Weise in den Konflikt zwischen dem russischen und dem georgischen Militär verwickelt". Die Vorgänge in Georgien würden dennoch genau verfolgt. Präsident George W. Bush und der russische Premierminister Wladimir Putin sprachen bei der Eröffnung der Olympischen Spiele über das Thema.
Die Eskalation zwischen den Parteien lässt einen offenen Krieg zwischen Russland und Georgien inzwischen möglich erscheinen. "Wenn dies nicht schon Krieg ist, dann sind wir sehr nahe am Krieg", sagte Kakha Lamaia, Mitglied des georgischen Sicherheitsrats. Auch die OSZE befürchtet einen Krieg, der verheerende Folgen für die ganze Region hat: "Wir müssen uns vom Rande eines vollständigen Krieges zurückziehen", sagte der OSZE-Vorsitzende und finnische Außenminister Alexander Stubb. Die internationale Gemeinschaft müsse gemeinsam handeln, um das zu verhindern. Die Vertreter der 56 OSZE-Mitgliedsländer wollen noch im Lauf des Tages in Wien zu einem außerordentlichen Treffen zusammenkommen.
Südossetiens Hauptstadt unter geteilter Kontrolle
In den frühen Morgenstunden hatten georgische Truppen eine Großoffensive zur Rückeroberung der abtrünnigen Region Südossetien begonnen. Deren Hauptstadt Zchinwali ist nach Darstellung beider Parteien umkämpft: Russische Truppen kontrollieren einen Teil, georgische andere. In Georgien wurden Reportern Listen mit Namen verletzter georgischer Soldaten gezeigt. Militärvertreter sagten, auch russische Kampfjets hätten angegriffen, deshalb habe es viele Verletzte gegeben.
Südossetien, das sich 1992 von Georgien gelöst hat, und das ebenfalls abtrünnige Abchasien wollen mit russischer Unterstützung ihre Unabhängigkeit von Georgien behaupten. Georgien ist dagegen westlich orientiert und strebt in die Nato.
Spiegel.de
Moskau - Die Zahlen klingen dramatisch, unabhängig überprüft sind sie allerdings nicht. Bei den Kämpfen in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali sollen nach Angaben der dortigen Machthaber mehrere hundert Zivilisten getötet worden sein. Der Präsident des abtrünnigen Gebiets, Eduard Kokojty, machte der russischen Agentur Interfax zufolge Georgiens Offensive dafür verantwortlich. Ein Minister sprach am späten Nachmittag sogar von mehr als tausend Toten. Bei den Kämpfen in Zchinwali sollen auch zehn russische Soldaten getötet worden sein.
KÄMPFE IN SÜDOSSETIEN: KRIEG IM KAUKASUS
Auch Russland, das mit Südossetien verbündet ist und inzwischen einen langen Konvoi von Panzern und Truppen dorthin geschickt hat, erhebt Vorwürfe, die bisher kaum zu überprüfen sind: Außenminister Sergej Lawrow sagte, man habe von "ethnischen Säuberungen in Dörfern in Südossetien" bei der georgischen Militäroffensive erfahren. "Die Zahl der Flüchtlinge wächst. Eine humanitäre Krise zeichnet sich ab." Präsident Dmitri Medwedew hatte die Verstärkung der sogenannten "russischen Friedenstruppen" in Südossetien mit dem Schutz russischstämmiger Bürger begründet, die dort zu Zehntausenden leben.
Der Konflikt um die Provinz ist auch eine Propagandaschlacht - Südossetien und das verbündete Russland wollen Georgien als Angreifer brandmarken. Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili dagegen stellt sein Land als Opfer von Attacken abtrünniger Südosseten und russischer Aggression dar.
In einem Interview mit dem US-Sender CNN sagte er, Russland kämpfe "mit uns einen Krieg in unserem eigenen Land". Saakaschwilis Regierung hatte von einem russischen Bombenangriff auf eine Luftwaffenbasis 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Tiflis berichtet; man habe außerdem mehrere russische Kampfjets abgeschossen. Der georgische Präsident bat die USA um Unterstützung. Es sei im Interesse der Vereinigten Staaten, seinem Land zu helfen: "Es geht nicht mehr nur um Georgien. Es geht um Amerika und seine Werte. Wir sind ein Freiheit liebendes Land, das derzeit angegriffen wird."
International riefen Politiker beide Streitparteien zum Einlenken auf. Die USA, die EU, die Nato und Deutschland forderten ein Ende der Kämpfe. Das US-Außenministerium kündigte an, einen Unterhändler in die Region zu schicken. Man mache allen Parteien Druck, die Lage zu deeskalieren. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) will einen Vertreter in die Krisenregion schicken.
"Wenn dies nicht Krieg ist, dann sind wir sehr nah am Krieg"
Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain forderte eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrates, um Russland Druck zu machen, in Südossetien umzudenken (mehr...). Der russische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin warf dagegen dem Westen vor, die Regierung Saakaschwilis "moralisch" unterstützt zu haben. "Wir warnen die Nato vor einer weiteren Unterstützung Saakaschwilis", sagte er der Agentur Interfax.
Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, bisher gebe es keine offizielle Bitte Georgiens um Hilfe. Es habe nur Kontakt mit georgischen Offiziellen gegeben, sagte ein Sprecher. Auch die mehr als hundert in Georgien stationierten US-Militärausbilder seien "in keiner Weise in den Konflikt zwischen dem russischen und dem georgischen Militär verwickelt". Die Vorgänge in Georgien würden dennoch genau verfolgt. Präsident George W. Bush und der russische Premierminister Wladimir Putin sprachen bei der Eröffnung der Olympischen Spiele über das Thema.
Die Eskalation zwischen den Parteien lässt einen offenen Krieg zwischen Russland und Georgien inzwischen möglich erscheinen. "Wenn dies nicht schon Krieg ist, dann sind wir sehr nahe am Krieg", sagte Kakha Lamaia, Mitglied des georgischen Sicherheitsrats. Auch die OSZE befürchtet einen Krieg, der verheerende Folgen für die ganze Region hat: "Wir müssen uns vom Rande eines vollständigen Krieges zurückziehen", sagte der OSZE-Vorsitzende und finnische Außenminister Alexander Stubb. Die internationale Gemeinschaft müsse gemeinsam handeln, um das zu verhindern. Die Vertreter der 56 OSZE-Mitgliedsländer wollen noch im Lauf des Tages in Wien zu einem außerordentlichen Treffen zusammenkommen.
Südossetiens Hauptstadt unter geteilter Kontrolle
In den frühen Morgenstunden hatten georgische Truppen eine Großoffensive zur Rückeroberung der abtrünnigen Region Südossetien begonnen. Deren Hauptstadt Zchinwali ist nach Darstellung beider Parteien umkämpft: Russische Truppen kontrollieren einen Teil, georgische andere. In Georgien wurden Reportern Listen mit Namen verletzter georgischer Soldaten gezeigt. Militärvertreter sagten, auch russische Kampfjets hätten angegriffen, deshalb habe es viele Verletzte gegeben.
Südossetien, das sich 1992 von Georgien gelöst hat, und das ebenfalls abtrünnige Abchasien wollen mit russischer Unterstützung ihre Unabhängigkeit von Georgien behaupten. Georgien ist dagegen westlich orientiert und strebt in die Nato.
Spiegel.de
