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Die großen Catcher-Skandale
#11
Teil 5 - Der kämpfende Bär

Das Catchen erlebte in den 70er und 80er Jahren seine Glanzepoche, als Millionen von Menschen die großen Turniere in Mitteleuropa besuchten. Mittlerweile haben sich mehr Veranstalter etabliert, die das "Rummelplatz - Image" von einst endgültig abschaffen wollten. Leider ein trostloser Versuch, da vereinzelte Veranstalter genügend Zündstoff für die Presse lieferten. Neben Gustl Kaiser - der bereits seit 1946 Turniere austrug - waren Paul Berger, Edmund Schober, Heinrich Kaiser und Nicola Selenkowitsch bekannte Veranstalter in Deutschland. Hamburgs Catcher-König war für eine gewisse Zeit Sven Hansen, der u.a. am Heiligengeistfeld Turniere durchführte. In den ersten Nachkriegsjahren standen Catch-Turniere hoch im Kurs, und das schien sich auch jetzt fortzusetzen. Am 02.10.1976 aber wird eine Fernsehsendung im ZDF zum herben Schicksalsschlag. Bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik konnte man diese Sendung sehen. Sie erzeugte eine allgemeine mitunter scharfe Kritik am Catchen und stärkte die Position der Kritiker. Ihre schon vorgefasste Meinung blieb freilich bis zur Jahrtausendwende bestehen. Ein schleichender Zuschauerrückgang begann, so dass sogar Hannover und Bremen ihre "CWA" Tore schließen mussten.

Im "Aktuellen Sportstudio" in Wiesbaden war für den 02.10.1976 ein Kampf zwischen Roland Bock und dem Catcher-Bär "Yogi" angekündigt worden. Hinter "Yogi" verbarg sich eine echte 14-Jährige Braunbär-Dame aus der Ukraine. Sie war Teil einer Catcher-Truppe, die seit 1976 durch Deutschland tourte. "Internationales Damen - und Herren Catch" ließ der Veranstalter - die "Euro Catch GmbH" aus Tuttlingen - auf zahlreichen Programmhinweisen abdrucken. In dieser Truppe fand man Linda Blair, "die Catcherin mit der größten Oberweite", Kung Fu, "der Nachfolger von Bruce Lee", Joe Critchley, "Europas größter Catch-Clown", Peter Kayser, Dennis King, Micki Sulivan, Barbarella, Ian Gilmour, Peter Gurr und der 150kg Brocken Denny Lynch. Die Bären-Dame Yogi wurde als Sensation verkauft, in dem sie die rabiaten Catcher in schach hielt. Auch einige Zuschauer versuchten ihr Glück, denn immerhin winkten 100 Mark, sollte Yogi im Ringstaub landen. Im August 1976 musste ein Bäcker in Bad Segeberg seinen Mut mit einem gebrochenen Bein bezahlen. Der Kampf dauerte nur 3 Sekunden. Ein 38-Jähriger brach sich den Arm.

Führender Kopf der Catcher-Truppe war Roland Bock, Ex-Europameister der Amateurringer von 1970. Unter Veranstalter Gustl Kaiser gewann Bock die "Deutsche Meisterschaft", das "Europa - Championat", die "Europameisterschaft" und den "Europa - Pokal" von 1974. Im Professionallager des IBV war für Bock aber bald das Ende gekommen, da sich interne Meinungsverschiedenheiten anbahnten. Ein für 1975 angesetzter Kampf gegen Horst Hoffmann wurde schon abgesagt. Als Bock ausschied, rutschte in Kaisers Turnieren der aus Graz stammende Otto Wanz. Bock machte sich als Catch-Veranstalter einen schlechten Namen unter seinen ehemaligen "Kollegen". Man sah es nicht gerne, dass er Frauen und sogar Tiere antreten ließ. Der Hamburger Veranstalter Sven Hansen sagte in einem Zeitungsinterview am 04.10.1976: "Wir bemühen uns seit Jahren, das Catchen vom Geruch des Rummelplatzes zu befreien, und dann kommt Roland Bock mit einem catchenden Bären. Das ist absoluter Zirkus, den wir nicht mitmachen. Roland Bock ist es auch, der Frauen-Catchen veranstaltet. Ich hatte ihn zu Beginn seiner Catch-Laufbahn unter Vertrag, aber ich habe ihn - wie alle bedeutenden Catch-Veranstalter in der Bundesrepublik auch - rausgeschmissen, weil er charakterlich nicht in Ordnung ist und mit allen Mätzchen eine schnelle Mark machen will. Darum veranstaltet er jetzt selbst." Hansen reagierte damit auf die schon angedeutete Fernsehsendung im ZDF. Er war äußerst erbost über die Berichterstattung, die das Catchen allgemein ins schlechte Licht rückte. Bock sah darin aber die ideale Werbung für seine Catcher-Truppe. Als Sensation hätte sich der angekündigte Kampf Bock vs. Yogi sicherlich verkaufen lassen können, aber er kam nicht mehr zustande.

Das "Aktuelle Sportstudio" unter Moderator Dieter Kürten begann normal mit den üblichen Berichten zur Bundesliga. Vor dem geplanten Bärenringkampf traf der Engländer Peter Gurr auf den glatzköpfigen Hünen Denny Lynch. Zwei Catcher aus Bocks Truppe, die sich schon mehrmals gegenüberstanden. Lynch packte Gurr und hämmerte zweimal mit seinem Schädel auf ihn ein. Anschließend schleuderte er Gurr zu Boden. Gurr zog sich allerdings eine klaffende Platzwunde an der Stirn zu. Was schlimm aussah, war eine stark blutende Gesichtswunde, die später im Krankenhaus behandelt wurde. Dieses Szenario entwickelte sich jedoch zum "Blutbad" für das Catchen. Die Proteststürme begannen und erreichten eine seltene Heftigkeit. Moderator Dieter Kürten rief: "Ein Arzt! Ist ein Arzt unter den Zuschauern?" Die Mehrzahl der 150 Zuschauer war für den Abbruch des Spektakels. Sendeleiter Helmut Bendt sagte daraufhin das Match Bock vs. Yogi ab. Roland Bock versicherte, dass Yogi ein harmloser Braunbär sei. Yogi wartete bereits am Ring, doch Bock stieß auf taube Ohren und musste sich einer überzogenen Kritik entgegenstellen.

Im Mainzer Sendezentrum des ZDF glühten die Telefone und harsche Leserbriefe kamen per Post: "Die brutalen Szenen, die sich beim Auftreten der Catcher ereigneten, müssen jeden wirklich sportlich Gesinnten mit Abscheu und Ekel erfüllt haben." Eine Welle von Proteststürmen erzeugte vor allem die Presse: "Als das Blut floß, kam die Angst vor dem Bären" - "Blut im Studio lieben wir gar nicht." ZDF-Sportchef Hans-Joachim Friedrichs reagierte mit Ablehnung. Ein Zuschauer erstattete Anzeige gegen den Fernsehsender bei der Staatsanwaltschaft Mainz. Auch viele kritische Stimmen von Anhängern des Berufsringkampfes ertönten. Willi Baier - ehemaliger VDB-Vorsitzender - schrieb am 06. Oktober an Friedrichs: "Aktive Berufsringer oder Catcher, wenn Sie es so wollen, haben es nicht nötig, einen derartigen Zirkus mitzumachen, geschweige mit Bären zu ringen, was ja für Sie die Attraktion sein sollte." Trotz dieser Kritiken war Bocks Truppe bis November 1976 schon 150 Tage auf Tournee durch Deutschland. Man bezahlte für die Hauptsensation Bär vs. Catcher. Yogi trat noch bei Rudi Carells Show "Am laufenden Band" gegen Freiwillige an. Ein 17-Jähriger erlitt Prellungen. Erneut kam es deshalb zu Protesten. Manche deuteten schon an, Tierschutzverbände einzuschalten. Viele Ringkampffreunde sahen in Bocks Veranstaltungen eine Schädigung des Berufsringkampfes. 1978 jedoch kämpfte gerade der vielfach kritisierte Roland Bock gegen Japans Wrestling-Legende Antonio Inoki.

Sinn dieser ZDF Veranstaltung war es, die Echtheit des Catchens im Fernsehen zu untersuchen. Mal wieder gab es eine Diskussion um Scheinringkämpfe. Natürlich sahen die Kritiker ihre Position jetzt erst recht bestätigt. Catchen ist Zirkus, Spielerei oder sogar ein Blutbad. 10 Millionen Menschen sahen allerdings 1975 die Catch-Turniere in Deutschland. Eine Zuschauerzahl die man bei anderen Veranstaltungen vergeblich sucht. Skandale begleiteten das Catchen von Anfang an. In den 50er Jahren erreichten sie freilich größere Ausmaße, welche Teils in Schlägereien endeten.
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#12
Danke für diesen wie immer interessanten Beitrag. Einen wrestlenden Braunbären zu präsentieren...aus heutiger Sicht wirkt das wahnsinnig grotesk.
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#13
Bocks Veranstaltungen wurden unter Insidern ja nur mehr BBB-Shows genannt. Also B-usen, B-lut und B-är.
Zu den anderen Teilnehmer. Dies waren durchwegs unbekannte und Branchenfremde Leute die Bock irgendwo aufgetrieben hat. Allerdings gab es auch Ausnahmen. Peter Kayser war ein talentierter und Namhafter Ringer, der allerdings schwere Alkoholprobleme hatte und auch schon am Absteigenden Ast war. Ian Gilmour hatte einen guten Namen auf der Insel und bildete mit Sir Jeff Kay (langjähriger Referee am Heumarkt) das Team "Les Ecossais" als die Schotten. Und Danny Lynch der den Stunt mit Peter Gurr abgezogen hat war vor allem in Südostasien ein gefürchteter Ringer. Aber auch war er oft bei Turnieren in Europa zu sehen und galt als einer der brutalsten seiner Zunft.

Hier der Artikel aus der Zeitschrift "Gong aktuell" die sich mit dem angesprochenen Vorfall befasste im Orginal.

Catcher-Trick täuschte Millionen

Der Intendant war erbost. Ein Zuschauer verklagte das ZDF. Der Grund: "Brutalität im Sport-Studio"

Die "Sport-Studio" Zuschauer schrien auf, Moderator Dieter Kürten, sichtbar blaß geworden, rief laut nach einem Arzt: Im ZDF-Studio krümmte sich ein Mann mit blutüberströmten Gesicht. Der Engländer Peter Gurr schien nach einer kurzen Catch-Demonstration so gefährlich verletzt, daß Dieter Kürten sich immer wieder entschuldigte: "Diese Brutalität haben wir nicht gewollt."
Während sich die Zuschauer im noch über den scheinbar grausemen Kampfstil empörten, waren in der Telefonzentrale des Senders schon die ersten Protestanfrufe eingegangen. Die Leiter des Sportstudios zeigten sich geichfalls geschockt und setzten auf der Stelle den nächsten Beitrag ab. Der Kampf mit einem Bären, der schon im Studio wartete, durfte nicht gezeigt werden. Sonntags, als sich immer mehr Zuschauer über den scheinbar rücksichtslosen Gladiatorenkampf beschwerten - sogar Strafanzeige wurde erstattet - schaltete sich auch Professor Holzamer ein. Von seinem Chefredakteur Appel verlangte er Auskunft, was sich denn die Sportredaktion bei dieser Einlage gedacht habe.
Diese Ernsthaftigkeit steht in groteskem Gegensatz zum tatsächlichen Vorgang: Die Catcher hatten das ZDF mit einem Trick hereingelegt, den sie seit langem allabendlich in Klein- und Mittelstädten anwenden. Nachdem sie auf eigene Empfehlung von Studiochef Helmuth Bendt ins ZDF Eingeladen worden waren, zogen sie ihr Blut-Theater erstmals auch vor mehreren Millionen Zuschauern auf. Der Ablauf ist meistens so: Der übergewichtige Denny Lynch verabreicht Peter Gurr ein paar Kopfstäße, hebt in hoch und donnert ihn anschließend auf die Bretter. Gurr krümmt und windet sich und zeigt dann sein Gesicht - immer blutübersträmt. 48 Stunden nach dem Auftritt im ZDF blutetet Gurr in Ingolstadt, dann blutete er in Dormagen und tags darauf in Mengeringhausen bei Kasssel. Wie planmäßig die Cactertruppe des früheren Amateur-Europameisters Roland Bock mit dieser Blutnummer reist, beweist ein Prospekt des Wanderzirkus. Da sieht man Gurr xvor dem Fight" - frischgewaschen - und "nach dem Fight" - blutüberströmt.
Selbst kleine Provinzzeitungen mokierten sich schon über den "Bluter" vom Dienst und spekulierten, Gurr beschmiere sein Gesicht mit Farbbe oder Tomatensaft.
Aber dieser Verdacht ist falsch: Peter Gurr vergießt tatsächlich allabendlich sein eigenes Blut.
Der Trick, mit dem er arbeitet, basiert auf der Tatsache, daß selbst kleinste Verletzungen im Gesicht stets heftig bluten, wie jedermann weiß, der sich schon beim Rasieren geschnitten hat.
Die vielen Schnitte in der Stirn des allabendlich blutenden Engländers lassen erkennen, daß sie nicht von gegnerischen Schlägen herrüphren. Schon immer gab es Catcher, die im Hosenbund den Rest einer Rasierklinge versteckt hatten - bis auf eine winzige Schnittkante sorgfältig in Heftpflaster verpackt.
Während der eine zu Boden stürzt und der Gegner die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, ritzt sich der scheinbar Schmerzverkrümmte kurz die Stirn. Dann einmal durchs Gesicht gewischt - und der ahnungslose Zuschauer erschrickt vor dem furchterregenden Anblick.
Wenn das noch nicht reicht, ist mein einem einzigen Angriff auch der Gegner schnell besudelt. Fürs ZDF- Publikum bl.utetet Gurr sogar noch etwas mehr als auf der Dorf Tournee: Diesmal mußte seine Wunde genäht werden.


An diesem Bericht, der den sehr gut recherchierten Beitrag von Ronald unterstützen soll, kann man hervoragend sich Vorstellen was für Auswirkungen die Machenschaften auf die gut und sauber arbeiteten Promotoren wohl hatte. Die Folgen waren ja bekannt.

D.S.K.
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#14
Pantaleon, hast du nicht Lust Ronalds Erbe anzutreten und hier klassische Wrestlingartikel oder ähnliches posten? Du scheinst ja ebenfalls gut in der Materie zu stehen. :winke:
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#15
Ich bin ja nicht für immer weg, auch wenn das anfangs so klang. Leider ist im Labor momentan die Hölle los. Drei Leute sind krank und zwei haben Urlaub. Ich mache also für fünf Leute Vertretung und bin an ca. 10 Messgeräten tätig. Dass ist dann so ein 12 Stunden Tag bis Mitte September. Ach ja, Samstag natürlich auch. Ab Oktober wird es wieder normal und ich kann dann wie gewohnt weitermachen.
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#16
Oh mann, bei dem Stress ist klar, dass du keine Zeit hast. Hoffentlich bekommst du deine Überstunden wenigstens bezahlt. Smile
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#17
Zitat:Original von Mephisto
Oh mann, bei dem Stress ist klar, dass du keine Zeit hast. Hoffentlich bekommst du deine Überstunden wenigstens bezahlt. Smile

Ist das in Deutschland nicht normal? Breites Grinsen
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#18
Danke für die Skandalberichte. Zum Thema Blut fällt mir dabei gerade noch der hübsche "Enthüllungsbericht" Roy Shires aus 1984 ein:

http://homepage.mac.com/viktor2/btw/more%20history.html

(runterscrollen bis : Wrestling promoter says he rigged ...)
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#19
Teil 2 - Rux gegen Zurth

"Boxer im Catcher-Lager" - 1952 war diese Situation Auslöser für viele Proteststürme aus der deutschen Boxszene. Nach Peter Müller und Wilson Kohlbrecher wechselte im Oktober 1952 eine weitere bekannte Boxgröße namens Konrad "Conny" Rux ins Münchner Catcher-Lager von Veranstalter Rudolf Zurth. Es gab dabei eine Parallele zu Müller: Rux' Catcher-Laufbahn dauerte keine zwölf Monate. Auch Müller scheiterte, obwohl er energisch trainierte, um letztendlich doch zum Boxen zurück zu kehren. Das erreichte Rux nicht mehr, da ihn die Berufsboxer-Loge auf Lebenszeit sperrte. Man war sehr erbost, dass ausgerechnet eines der besten Zugpferde zu den Feinden des Profiboxens, den Catchern, übertrat. Zurth lockte ihn schon 1950. Aber erst zwei Jahre später, als Deutschlands Catcher-König satte 100.000 Mark Jahresgehalt bot, wurde Rux weich. Doch von Harmonie und Zusammenarbeit war zwischen beiden im Frühjahr 1954 nicht mehr viel zu spüren. Zuvor schaltete sich Rux' ehemaliger Manager Bruno Müller ein. Er klagte vor dem Berliner Landgericht auf Schadensersatz, da Conny beim überraschenden Wechsel nach München noch unter Müllers Rige stand. Zur Debatte stand der 5-Jahres Vertrag als Boxer. Dann allerdings folgte die Klage von Rux gegen Zurth, die die Gerichte bis Anfang 1958 beschäftigen sollte. Rux klagte, um seinerseits Geld aus einem nicht eingehaltenen Vertrag zu bekommen. Der Prozess Rux gegen Zurth ging über drei Instanzen und endete schließlich mit der Niederlage des Veranstalters vor dem Münchner Landesarbeitsgericht. Aber am Schluss ertönte das Gelächter vieler Zuschauer, die den größten Gerichtsprozess des frühen Catchens miterleben durften. Wie es dazu kam, schildert dieser Teil unserer Serie: "Die großen Catcher-Skandale".

Conny Rux, Jahrgang 1925, wuchs in Berlin auf und arbeitete nach seiner Schulzeit im Werkzeugbau des späteren VEB (Volkseigener Betrieb) Signal- und Sicherungstechnik in Berlin-Treptow. Als Jugendlicher kam er zum Boxsport, wo er gut 20 Amateurkämpfe bestritt. 1943 schickte man ihn zur Kriegsmarine nach Norwegen. Conny geriet noch kurzzeitig in Gefangenschaft, bevor es ihn, nach Kriegsende, ins Lager der Radrennfahrer zog. Dort war der große und blonde Sportbegeisterte schon seit seinem 14. Lebensjahr zu Hause. Sein Vater versteckte das alte Rennrad, bis Conny aus Norwegen zurückkehrte. Er musste nicht lange danach suchen, um neu zu starten. Am 09. September 1945 besiegte er die gesamte Radrennfahrerelite Berlins im Fliegerrennen. Doch der Verdienst war äußerst bescheiden. Im Januar 1946 entschied sich Conny dafür Berufsboxer zu werden. Altmeister Richard Naujocks erkannte das Talent des jungen Burschen. Schnell kontaktierte er die zuständige Boxkommission, die einen Prüfungskampf festlegte. Der Gegner ging in der zweiten Runde K.o.. Wenige Monate später, am 05. Mai 1946, bestritt Rux den ersten Profikampf im Halbschwergewicht. Naujocks, ein kleiner, grauhaariger Mann, trainierte ihn ein knappes Jahr, bis Rux 1948 Bekanntschaft mit dem Boxmanager Bruno Müller machte. Den Wechsel arrangierte der Amateurboxer Wassi. Es war schon eine merkwürdige, teils seltsame Zusammenarbeit zwischen Rux und Müller. Anfangs respektierten sie sich. Es kam jedoch öfters zu ernsten Streitereien, vor allem wegen Schiebungen und Gagen.

Ihre erste gemeinsame Trainingsstätte in Berlin war ein Freiluftring auf dem Dach des unversehrten Hauses Bendlerstraße 11-14. Schon hier sackte sich Müller mindestens 50% der Gagen ein. Trotz seiner vergleichsweise kurzen Laufbahn als Profiboxer, erreichte Rux wesentliche Erfolge: 1949 Deutscher Meister im Halbschwergewicht; 1952 Europameister. Den Titel des Europameisters gab er beim Übertritt zu den Catchern kampflos auf. Das nahm man ihm noch Jahre später übel. Im Jahr 1950 heiratete Conny die Tochter der Schauspielerin Olga Tschechowa, Ada Tschechowa. Olga hatte diese Ehe nie wirklich gebilligt, da das schon die dritte Ehe ihrer Tochter war. Hinter den Kulissen begann schon jetzt ein Grabenkrieg zwischen Ada, Conny und Manager Bruno Müller. Sein Boxmanager war außer sich, als er von der Hochzeit erfuhr. Das Geschäft stand im Mittelpunkt, das Müller nun freilich gefährdet sah. Zu allem Überfluss war Ada auch noch älter als Conny. In dieser Zeit nicht gerade konform. Conny hatte auch kein geregeltes Privatleben. Der Blondschopf wurde in Sportkreisen zeitweise als Schmelings Nachfolger gehandelt. Einen ersten Knick bekam seine Karriere am 20. August 1950 im Ring der Berliner Waldbühne. Vor 25000 Zuschauern verlor Conny gegen den US-Amerikaner Gene "Tiger" Jones. In der fünften Runde ging er K.o.. Die Zuschauer tobten, dass ausgerechnet dieser schwarze Amerikaner die deutsche Nachwuchshoffnung besiegen konnte. Von Schiebung und Flaschenkampf war hier die Rede. Ada Tschechowa schwieg bis zum November 1952, als die Geschäftsbeziehung zwischen Rux und Müller längst der Vergangenheit angehörte. Sie, die fast alle Profikämpfe ihres Mannes am Ring verfolgte, kannte das Treiben hinter dem Ring genau. Müller und dessen Geschäftspartner Fred Kirsch erschienen wenige Tage später bei Rux in der Wohnung. Ada hörte noch, wie Müller sagte: "Du musstest verlieren, du warst zu schlecht in Form." Prompt erschienen diese Zeilen in einer Illustrierten. Der Vorwurf von Absprachen kochte im September 1952 erneut hoch, als Rux gegen den Belgier Karel Sys durch K.o. verlor. Es war gleichzeitig Connys letzter Kampf als Boxer. Ein Zeitungsartikel berichtete davon, wie Müller angeblich zu seinem Schützling sagte: "Bei dem Kampf heute verliert Sys nach Punkten. [...] In Brüssel soll's dann reell gehen, da dürft ihr mal zeigen, was ihr könnt!"

Ada Tschechowa veröffentlichte Ende 1952 weitere Zeitungsartikel, die tief ins Business ihres Mannes eintauchten. Kein Wunder, dass Müller darüber alles andere als erfreut war. Bald gab es deshalb eine erste Gerichtsverhandlung. Doch Müller hatte noch ein anderes Problem: Seine einstige Geldmaschine Conny Rux wechselte zu den Catchern. Rux verlängerte seinen Boxvertrag am 17. Mai 1951 für weitere fünf Jahre, ohne auf das Kleingedruckte zu achten. Von 100 Mark Verdienst blieben ihm, nach eigenen Angaben, nur 18 Mark. Ob das stimmte war für Deutschlands Catcher-König Rudolf Zurth relativ uninteressant. Er hielt nur Ausschau nach weiteren Talenten. Am Rande des "Großen Bayernpreises", den Zurth gerade im Münchner Zirkus Krone plante, erschien eine bekannte Größe aus der Sportpresse zusammen mit Rux im Büro von Zurth. Nach mehreren Diskussionen wurde man sich Mitte Oktober 1952 schließlich einig. So schnell wie möglich sollte Rux ins Catcher-Lager übertreten. Die Boxszene und vor allem Müller wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Dieser Wechsel kam so überraschend, dass die gesamte Boxszene für kurze Zeit erstarrte. Connys Entscheidung blieb nicht ohne Folgen: Knapp vier Wochen später sperrte ihn der "Verband der Faustkämpfer (VdF)" in Berlin auf Lebenszeit. Was allerdings schwerer wog, war der Vertragsbruch mit Müller. Müller erhob Klage vor dem Landgericht Berlin-Charlottenburg. Einerseits verlangte er Schadensersatz aus dem Vertrag von 1951, sowie einen Widerruf der Anschuldigungen durch Ada Tschechowa. Conny hatte das Problem, dass beim Wechsel zu Zurth in seinem Vertrag mit Müller die Worte "auch die Verwertung des Namens" standen. Somit bestand automatisch ein Anspruch auf Teile der Gage, die Rux bis Vertragsende kassieren sollte. Im Hintergrund willigte Zurth ein, 50% der Vergleichssumme zu übernehmen, falls sich Conny denn auf einen Vergleich einlässt. Um nicht horrende Summen zahlen zu müssen, pochte Zurth darauf, dass Conny erst seine Zustimmung einzuholen hätte. Das aber geschah nicht und führte schlussendlich zum zweiten Prozess.

Im Januar 1953 begann die Prozessserie unter den Augen von zahlreichen Reportern und Kameras. Auch etliche Sportfunktionäre interessierten sich für das Spektakel. Ende Mai einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich. Das Landgericht verurteilte Rux zur Zahlung von 12500 Mark als Ausgleichssumme. Ada zog zwar ihre Anschuldigungen zurück, wiederholte sie jedoch 1954 erneut. Mit diesem Vergleich war Müller einverstanden, Zurth hingegen nicht. Das nächste Problem für Conny sollte bald bevorstehen. Wie verlief nun seine "Karriere" als Catcher? Zurth errichtete schnell einen zweiten Ring im Elefantenstall des Zirkus Krone. Hier sollte Conny schnellstmöglich alle Grundlagen des Catchens erlernen. Wenige Tage nach Vertragsunterzeichnung gab Conny sein Debüt im Catcher-Ring gegen Erich Koltschak. Koltschak unterlag schon binnen fünf Minuten vor den rund 2200 Zuschauern des Zirkus Krone. Zurth schrieb 1959: "Als Rux in den Ring kletterte, ging - wie erwartet - der Trubel los. Die Hälfte des Publikums klatschte begeistert Beifall. Die andere Hälfte, hauptsächlich die Box-Anhänger, pfiff aus vollen Lungen." Anfangs brachte Conny gutes Geld für seinen Arbeitgeber. Es war der Name und weniger seine Ringleistung, die das Interesse der Zuschauer auf sich zog. Die Kritiker warteten natürlich nur auf eine Niederlage. Als ihn Zurths Kampfmaschine, I.K-staatenlos, Ende Oktober 1952 halb bewusstlos prügelte, war sein vorzeitiger Rückzug vom Catchen schon fast besiegelt. Zurth gab ihm dennoch ein paar Chancen, so dass er bald 87000 Mark an Gagen verdient hatte. Warum Conny letztendlich scheiterte, begründete Zurth so: "Rux beschränkte sich im Kampf auf das, was er bei seinen ersten Nachhilfestunden gelernt hatte. Wahrscheinlich trug er sich nie mit der Absicht, länger bei mir zu bleiben, als unser erster Vertrag lief, das heißt auf die Dauer eines Jahres. [...] Rux vernachlässigte sein Training, bot immer dasselbe Repertoire und kümmerte sich nur um die Aufstellung seiner Spielautomaten."

87000 Mark waren für den Berliner offensichtlich zu wenig gewesen, da klagte er kurzerhand gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Rudolf Zurth vor dem Münchner Arbeitsgericht. Im März 1954 begann der Prozess, in dem Rux Zurth auf Zahlung von 6250 Mark verklagte. Die Hälfte der Ausgleichssumme, die Rux damals an Müller zahlen musste. Zurth hatte bereits 1000 Mark an Rux gezahlt, die restliche Summe aber verweigert. So hätten sich Rux und Müller ohne seine Zustimmung geeinigt, was ebenfalls Bestandteil des Prozesses war. Laut dem Kläger sei die Zahlung in einem Zusatzvertrag vereinbart worden. Conny konnte das Formular aber nicht mehr finden. Zurth tischte seine Version der Geschichte auf: Demnach hätte ihm Rux zugesichert genügend Belastungsmaterial gegen Müller zu haben. Sprich er werde den Prozess in Berlin gewinnen. Von Müller sei so oder so nichts zu holen. Aber Conny verlor den Prozess gegen Müller. Die erste Runde im Prozess Rux-Zurth endete ohne Ergebnis. Das Gericht setzte einen zweiten Termin fest. Im Juli 1954 verurteilte das Arbeitsgericht München Zurth zur Zahlung von 50% der Ausgleichssumme. Dieser akzeptierte das Urteil allerdings nicht und ging in Berufung. Das Landesarbeitsgericht urteilte jedoch genau so, was Zurth dazu veranlasste vor das Bundesarbeitsgericht in Kassel zu ziehen. Der Revision wurde stattgegeben und das Urteil vom Landesarbeitsgericht Ende 1957 aufgehoben. Die Bundesrichter verwiesen den Fall jedoch nach München zurück, wo nun die letzte Runde im Frühjahr 1958 beginnen sollte.

Im Zusatzvertrag mit Rux stand zwar der Satz: "Sie wollen bitte zuvor meine Genehmigung dazu einholen", was allerdings keiner Verpflichtung entsprach. Die Richter vom Landesarbeitsgericht sahen keinen Vertragsbruch darin, dass sich Rux ohne Zurths Zustimmung mit Müller einigte. In dem Zusatzvertrag sei lediglich eine Bitte formuliert worden. Das Gericht verurteilte Zurth in letzter Instanz zur Zahlung von 6250 Mark. Zurth ergriff das Wort und meinte: "Wenn hier auf der Tür steht 'Tür schließen', dann muss ich sie zumachen, wenn ich hinausgehe. Wenn aber angeschrieben steht 'Bitte Tür schließen', dann ist das nur eine Bitte, der ich nicht nachzukommen brauche. Ist das richtig?". Der Vorsitzende und die Zuschauer lachten. In der volkstümlichen Auffassung hatte er recht, doch die Juristische sei eben anders.

Conny Rux "investierte" seine 87000 Mark für den Vertrieb von Spielautomaten in München. Lange ging dieses Geschäft aber nicht gut, wie auch die Ehe zu Ada. Er reiste für mehrere Jahre ins Ausland, kehrte letztendlich aber doch nach Berlin zurück. Man sah ihn in ein paar Filmen und er verkaufte später Schmieröl. Seine Leidenschaft für das Radfahren hat er nie verloren. So sah man ihn gerne im Berliner Grunewald radeln. Am 12. Januar 1995 starb Conny 69-jährig in Berlin.
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#20
Der 6. Teil fehlt noch und kommt wahrscheinlich Anfang Dezember. Ich habe hier ein weiteres Urteil vom Bundessoziagericht gefunden, dass sich mit dem Catchen auseinandersetzt.

Urteil vom Bundessozialgericht
BSG, Urteil vom 26.11.1998 - B 3 KR 12/ 97 R
http://lexetius.com/1998,292
"Berufsringer (Catcher, Wrestler) sind keine Unterhaltungskünstler oder Artisten im Sinne des Künstlersozialversicherungsrechts."

"Der Kläger beantragt, das Urteil des LSG Niedersachsen vom 15. Oktober 1997 zu ändern und die Berufung der Beklagten gegen das Urteil des SG Hildesheim vom 21. Februar 1995 zurückzuweisen."

"Der im Jahre 1966 geborene Kläger ist als Berufsringer (Catcher, Wrestler) tätig. Er ist Mitglied des Verbandes der Berufsringer eV (VDB) und nimmt an vom VDB lizensierten Veranstaltungen im In- und Ausland teil. Dazu gehören auch Veranstaltungen der Catch-Wrestling-Association (CWA). Er tritt unter dem Namen U. H. auf, ist aus früherer Zeit aber auch als "H. the German" und "The Ranger" bekannt. Im Juli 1993 beantragte der Kläger die Feststellung seiner Versicherungspflicht nach dem KSVG als selbständiger Künstler im Bereich der darstellenden Kunst (Unterhaltungskunst/ Artistik). Er vertrat die Auffassung, das Berufsringen sei als Entertainment mit sportlichem Charakter und damit als Teil des Showgeschäfts anzusehen. Sein voraussichtliches Jahreseinkommen bezifferte er mit 14. 000 DM. Die beklagte Künstlersozialkasse lehnte den Antrag ab. Sie wertete das Berufsringen nicht als künstlerische, sondern als - nicht vom KSVG erfaßte - sportliche Tätigkeit (Bescheid vom 3. Dezember 1993, Widerspruchsbescheid vom 7. April 1994)."
[...]
"Die Revision des Klägers ist unbegründet. Das LSG hat zu Recht entschieden, daß der Kläger nicht der Versicherungspflicht nach § 1 KSVG unterliegt. Das Berufsringen (Catchen, Wrestling) ist keine künstlerische oder artistische Tätigkeit iS des Künstlersozialversicherungsrechts."

"Das Berufsringen ist eine Form der Unterhaltung, bei der es um die drastische Darstellung exzessiver Gewaltanwendung geht. Die gewalttätigen Aktionen sind - und zwar umso besser, je weniger für das Publikum erkennbar - inszeniert und gespielt, aber nicht ernsthaft gemeint und deshalb auch nicht mit voller Kraft ausgeführt. Realität und Darstellung fallen auseinander. Die Akteure zeigen sportliches, durch regelmäßiges Training gefestigtes Können, akrobatische Körperbeherrschung und schauspielerische Elemente. Welche dieser Komponenten in den Vordergrund gestellt wird, entscheidet sich nach der praktizierten Spielart des Berufsringens. Beim herkömmlichen Catchen, das aus dem Freistilringen entwickelt worden ist, steht noch das sportliche Element im Vordergrund. Beim Wrestling, das aus den USA stammt und in Europa zunehmend an Bedeutung gewinnt, steht hingegen der Showcharakter im Mittelpunkt. Allen Varianten des Berufsringens gemein ist die Vorführung eines Show-Kampfes, bei dem grotesk kostümierte Männer, gelegentlich auch Frauen, gegeneinander antreten, sich scheinbar wüst beschimpfen, brutal angreifen und so unfair zuschlagen oder zutreten, daß es erfahrungsgemäß zu schweren Verletzungen kommen müßte. Verletzungen sind aber nicht gewollt und allenfalls Resultat unglücklicher Zufälle. Dargeboten wird somit eine scheinbar hochgefährliche Interaktion in der Form eines Kampfes, dessen Inszenierung auf der Kooperation der Beteiligten aufbaut. Die "Regeln" und der Ringrichter sind dabei ein Teil der Inszenierung, nicht aber Faktoren zur Sicherung eines fairen Wettkampfs und zur Wahrung des sportlichen Charakters des Kampfes. Der Ablauf der Kämpfe und deren Ergebnisse sind in der Regel verabredet und folgen einer langfristig angelegten Dramaturgie (vgl zu allem Bachmair/ Kress, Hölleninszenierung "Wrestling", 1996, S 13, 47, 77, 135, 143 sowie Ulrich/ Möller, "Bei Catchers zu Hause", ZEIT-Magazin Nr 43 vom 18. Oktober 1996, S 10 ff). Damit ist fraglich, ob auch bei einem großzügigen Verständnis noch von Sportausübung gesprochen werden kann, vergleichbar etwa dem Berufsboxen, und zwar selbst bei Betrachtung der Tatsache, daß Wrestling-Veranstaltungen hierzulande vor allem von Sportsendern übertragen werden."
[...]
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